Zum Gastland

Theater in der Ukraine

Die Ukraine betreibt bei einer Bevölkerungszahl von rund 46 Millionen Menschen insgesamt 137 staatliche sowie kommunale Theater. Darunter sind 54 Schauspielhäuser, 41 Kinder- und Jugendtheater (einschließlich 29 Puppentheatern) und 31 Musiktheater. Im Vergleich zu Deutschland, das mit einer Bevölkerungszahl von circa 80 Millionen Menschen rund 150 Staats- und Stadttheater betreibt, ist die kulturelle Bandbreite in der Ukraine nicht zu verachten. Fast jeden Abend kann man in der Ukraine in einem Theater verbringen. Daraus ergibt sich natürlich die Frage, was man dort zu sehen bekommt.

Vordergründig scheint sich das ukrainische Theater seit der Zeit der Sowjetunion kaum verändert zu haben. Viele Häuser sind abhängig von der machthabenden Politik und zeigen wenig Interesse an aktuellem Gegenwartsgeschehen. Aber der Geist der Revolution hat auch die Ukraine und ihre Theatermacher getroffen. Immer mehr beschäftigt sich das Theater mit der Gegenwart, wird aktueller, Strukturen werden aufgebrochen und ändern sich. Sozialkritik und die Behandlung politischer Probleme rücken immer mehr in den Vordergrund. Auch das Publikum verändert sich und wird deutlich jünger. Besonders in Europa steigt das Interesse an der Kulturlandschaft der Ukraine. Man versucht durch das Theater die Aufstände, Kriege und die Revolution zu verstehen und sucht nach einem Umgang mit der Gegenwart. Umgekehrt arbeitet man in der Ukraine seine eigene Geschichte auf und zieht seine Schlüsse aus Ereignissen der Gegenwart. Staatstheater sind in der Ukraine dominierend. Finanziert werden sie durch den Staat bzw. durch die lokalen Regierungen. Die größte Dichte an Theatern befindet sich in Kiew, Odessa, Lwiw, Dnipropetrowsk, Charkiw sowie Donezk. Die einzelnen Städte beherbergen im Schnitt zwischen fünf und acht Theater. Die freie Theaterszene in der Ukraine ist sehr instabil, da sie kaum finanzielle Unterstützung erhält. Nur wenige Privattheater, freie Theaterbühnen oder unabhängige Festivals sind in der Lage zu überleben. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen.

Professionelle Theater haben jährlich ca. 30.000 Vorstellungen und 4.000 Gastspiele. Jedes Jahr erhalten 10 bis 12 Theaterfestivals staatliche Förderungen. Durchschnittlich führen die Theater 4 bis 5 neue Produktionen im Jahr auf, welche sie selbst finanzieren müssen, auch die staatlichen Theater. Experimentelles, politisches oder auch provokatives Theater gibt es in der Ukraine zwar wenig, aber es gibt es. Und das Interesse daran steigt stetig an. In erster Linie ist das freie Theater Dakh von Vladislav Troitskyi zu nennen, ein Projekt, das seit fast 15 Jahren besteht. In der Ukraine sehr bekannt ist sein aktuelles und politkritisches Theaterstück Haus der Hunde. In Kiew tut sich das staatliche Theater »Zoloti Vorota« (Goldenes Tor) unter der Leitung des Intendanten Stas Jirkov hervor: eine Bühne für junge Regisseure und zeitgenössisches Drama. Die Zahlen leiden nicht unter diesem experimentellen Programm, im Gegenteil. Die Produktionen des »Zoloti Vorota« sind fast immer ausverkauft. Aber zeitgenössisches Theater ist nicht nur in der Hauptstadt zu finden, sondern auch in Lwiw. Besonders hervorgetan hat sich dort das Theater »Lesia Ukrainka«. Es unterstützt neue Projekte wie Die erste Bühne für zeitgenössisches Drama oder das Festival Drama.ua.

Zwei Festivals der freien Szene sind in der Ukraine besonders wichtig: Die Kiewer Woche des zeitgenössischen Dramas und das Festival der jungen Regisseure, welches einmal jährlich Produktionen von jungen Regisseuren unter 35 präsentiert. Nicht viele junge Dramatiker bekommen die Chance, ihre Stücke aufzuführen. In der Hauptstadt Kiew sowie in der westlichen Metropole Lwiw gibt es mehr Möglichkeiten als in anderen Teilen des Landes. Die ukrainische Dramatikerin Natalia Vorozhbyt beispielsweise wird in ihrer Heimat kaum aufgeführt, feiert aber große Erfolge im Ausland. Ihr Stück Der Getreidespeicher erzählt von der größten Katastrophe des ukrainischen Volkes, einer von der Sowjetunion herbeigeführten Hungersnot, und wurde erfolgreich in London uraufgeführt. Fünf Jahre später erst in der Ukraine.

Pavlo Arie, Scout für das Gastlandprogramm