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Pressestimmen - Fellinis 8 1/2
Melancholie in der Hüpfburg
Ältere Heidelberger sind für einen Augenblick irritiert. „Das Kino war doch andersrum“, erinnert sich eine Besucherin: Die Zuschauertribüne weist in jene Richtung, aus der früher die Projektion kam. Diese Perspektive ist kein schlechtes Sinnbild für die aktuelle Heidelberger Spielzeit, die in neuen Spielstätten eröffnet wurde. Während das Theater saniert und umgebaut wird, bezieht das Schauspiel sein Theaterkino in einem ehemaligen Lichtspielhaus. Das Heidelberger Schauspiel zeigt vor allem Bühnenfassungen von Filmstoffen, dazu „Endstation Sehnsucht“ als Drama, das seine Berühmtheit der Verfilmung erlangte. Während ältere Zuschauer noch über die Blickrichtung sinnieren, mag dieses Programm für jüngere Heidelberger ein guter Nachhilfeunterricht sein. „Ich bin Marcello Mastroianni“, behauptet der Schauspieler Lajos Talamonti zum Auftakt des ersten Abends. „Wer ist Marcello Mastroianni?“ fluster die Nachbarin ihrem Begleiter zu. Lajos Talamonti ist Marcello Mastroianni, außerdem ist er der von Mastroianni gespielte Guido Anselmi und ein Stück weit auch Federico Fellini, der mit dem Szenenmosaik „Achteinhalb“ seinen wahrscheinlich persönlichsten Film gedreht hat. Die Heidelberger Bühnenfassung beginnt mit diesem Spiel einander überlagernder Identitäten, während das Ensemble die Laufstegbühne von Jürgen Höth erobert, ein kühler Raum, in dem die elegante Melancholie in hellemLicht und mit klarem Verstand analysiert wird. Talamonti spielt den Regisseur in der Schaffenskrise sehr sanft. Der Mann braucht Schonung, aber der Kurort wird zur Drehscheibe seiner schwierigen Beziehungen, während ein Filmprojekt wächst, das nie realisiert werden soll. Aus dieser Situation gewinnt der Regisseur Dariusch Yazdkhasti präzise Stimmungsbilder, die sich aus hübschen Porträtminiaturen zusammensetzen. Die Menschen gleiten vorbei wie im Film,der ein paar Mal in verfremdeten Ausschnitten auch zitiert wird. Da ist Frank Wiegard als dandyhafter Drehbuchautor, der dem Regisseur der schärfste Kritiker ist, Monika Wiedemer als die anstrengende Geliebte, Ute Baggeröhr als Ehefrau, die das Lügen ihres Mannes leid ist. Neun Schauspieler übernehmen ungefähr dreißig Rollen und geben den Mini-Auftritten doch Schärfe, und die Inszenierung bringt sie geschickt miteinander ins Spiel, während Anselmi-Fellini über Vergänglichkeit, Leben und Kunst sinniert. Das ist in der ersten halben Stunde richtig stark gelungen und eine weitere halbe Stunde noch sehenswert. Aber dann kriecht Zähigkeit in diesen Reigen, der rasche Szenenwechsel verliert an Konzentration, und die Gedanken zerfasern in immer neuen Aktionen, die die Geschichte am Laufen halten sollen. Wenn im Film die riesige Raketenstation als Kulisse entsteht, bläst Heidelberg einen Bühnenballon auf, der dem Abend einen Hauch von Hüpfburg-Fröhlichkeit verleiht. In der Summe bleibt ein gelungener Start für dieses Theaterkino, in dem man übrigens auch ganz prima richtige Theaterstücke spielen könnte.
Darmstädter Echo, 10.10.09, JOHANNES BRECKNER
Guido steckt in uns allen
Selbstbewusst bewirbt das wegen Renovierung geschlossene Heidelberger Stadttheater das zur Ausweichspielstätte umgebaute Schlosskino als Deutschlands einziges Theaterkino: Ein Titel, wie er programmatischer kaum sein könnte, schließlich ist die gesamte Spielzeit der Bühnenadaptionen moderner Kinoklassiker gewidmet. Wie ambitioniert dieses Projekt ist, zeigte sich bei der Saisoneröffnung. Denn nichts Geringeres als Federico Fellinis oscarprämierten Film „Achteinhalb“ hat sich Regisseur Dariusch Yazdkhasti vorgenommen. Der Versuchung einer reinen Nacherzählung dieses Klassikers, der das Filmemachen selbst, die Angst vor dem Scheitern und nicht zuletzt die großen Fragen nach dem Glück zum Thema macht, erliegt die Heidelberger Produktion gleichwohl nicht: Mit einer für Assoziationen offenen Bühnen- und Kostümgestaltung in Schwarz-Weiß, musikalischen Einlagen, verfremdeten Einspielern des Originals im Hintergrund und durch die Interaktion mit dem Publikum. Wie im Film siedelt Yazdkhasti dabei ausgehend vom Leitmotiv der Schaffens- und Lebenskrise des Regisseurs Guido Anselmi die verschiedenen Ebenen von Gegenwart, Traum und Erinnerung gleichberechtigt nebeneinander an. Schon in der Eingangsszene versteht es Yazdkhasti jedoch deutlich zu machen, dass Guido keine Hauptfigur im eigentlichen Sinne darstellt. Neun Schauspieler schlüpfen während des Stücks in nahezu 30 verschiedene Rollen, die, als großes Panoptikum aufgestellt, unterschiedliche Erwartungen an die zunächst hervorragend unstete Figur des Guido (Lajos Talamonti) herantragen und damit letztlich das Mosaik einer einzigen, komplexen Persönlichkeit zusammensetzen. Auf der Bühne äußert sich dies im steten Nebeneinander der Figuren und dem teils abrupten Szenenwechsel, der stets offen lässt, auf welcher Realitätsebene gerade gespielt wird. Deutlich an Qualität und Tempo gewinnt das Stück jedoch erst im letzten Drittel: Dann nämlich wandeln sich die erst vage angedeuteten, dann etwas beliebig gesetzt wirkenden Probleme der Figuren zu pointierten Dialogen, die am Ende in der zu recht beklatschten Einsicht münden, dass ein wenig von Guido Anselmi in uns allen steckt.
Mainzer Allgemeine Zeitung, 6.10.09, Yasmin Hameed
DER PROJEKTOR RATTERT NUR ZUM SCHEIN
Das Leben hat keine einfachen Antworten parat, die Kunst schon gar nicht. Wahre Künstler kann diese Einsicht in die pure Verzweiflung treiben - oder zu Höchstleistungen anspornen. Der italienische Filmemacher Federico Fellini (1920 - 1993), der selbst Anfang der 1960er Jahre in eine tiefe Schaffenskrise geraten war, zog sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Dilemma, indem er mit seinem Oscar-prämierten Meisterwerk "8 1/2" den seelischen Spagat zwischen Krise und Kreativität zum Thema seines Films über das Filmemachen machte. Er selbst behauptete zwar immer, "8 1/2" sei keine autobiographische Selbstbespiegelung, doch das darf man als pure Künstlerkoketterie abtun. Wenn nun das Heidelberger Theater seine Interimsspielstätte für die Sparte Schauspiel im ehemaligen Schlosskino mit der Bühnenfassung von "8 1/2" eröffnet, dann ist das ein äußerst geschickter Spielplan-Schachzug. Ein Traditionsort der Filmkunst wird durch einen mit theatralischen Mitteln aufbereiteten Kultfilm im "Theaterkino" umgewidmet, in dem noch lauter weitere Bühnenfassungen bedeutender Filme folgen sollen. Dariusch Yazdkhasti, der Regisseur, und seine Dramaturgin Kerstin Grübmeyer appellieren mit ihrer Spielfassung an das Kino im Kopf der Zuschauer. Wie bei Fellini gibt es keine einfachen Antworten, keine aufgesetzte Action und keinen auf den ersten Blick erkennbaren roten Faden. Und wie in Fellinis symbolistisch aufgeladener Schwarzweiß-Phantasmagorie agieren die neun Schauspieler des Heidelberger Theaters in geschmackvollen Schwarzweiß-Kostümen, entworfen von Katharina Kromminga. Leichte Kost ist es nicht, was man hier zu sehen bekommt, weil über die große Gefühlsmaschine namens Kino in doppelter, ja dreifacher Brechung reflektiert wird.
Gleich zu Beginn macht das der als Gast engagierte Hauptdarsteller Lajos Talamonti deutlich, wenn er behauptet, Marcello Mastroianni zu sein, der in Fellinis „8 ½“ das Fellini-Alter-Ego namens Guido Anselmi spielt. Die Formel „Talamonti=Mastroianni=Anselmi=Fellini“ scheint aus der tiefsten Trickkiste der Theaterzauberkünste zu stammen. Rollen und reale Personen werden durch sie identisch, Schein und Sein sind nicht mehr zu unterscheiden, auch wenn zu Beginn und am Ende das Geräusch eines nostalgisch ratternden Projektors das Gegenteil behauptet. Talamontis Mastroianni/Anselmi/Fellini steckt ganz filmkonform in einer tiefen Krise. Er will ein großes Kunstwerk drehen, weil er aber partout nicht weiß, wie und worüber, zieht er sich in ein Sanatorium zurück. Gegen seine körperlichen und seelischen Gebrechen soll „Acqua santa“ helfen, und seiner mangelnden Inspiration versuchen die um ihn herum irrlichternden Personen auf die Sprünge zu helfen: Schauspielerinnen, Geliebte, Geistliche, Ärzte, Magier, dazu noch der zynische Drehbuchautor, seine Ehefrau und etliche weitere fellineske Sonderlinge, die von acht musikalisch versierten, mehr oder weniger wandlungsfähigen Ensemblemitgliedern übernommen werden. Ute Baggeröhr, Monika Wiedemer, Jennifer Sabel und Antonia Mohr bevölkern Anselmis mal zickig-hysterischen, mal sensiblen Harem, der einen Vorgeschmack auf Fellinis Spätwerk „Stadt der Frauen“ gibt. Und das Darsteller-Quartett Frank Wiegard, Klaus Cofalka-Adami, Matthias Rott und Natanael Lienhard übernimmt die zahlreichen männlichen Rollen. Schnelle Schnitte, schnelle Wechsel. Alle zusammen ergehen sich im hintergründigen Sprachwitz der Dialoge, die auf der Bühne wahrscheinlich deshalb besser zur Geltung kommen als im Film, weil das Inszenierungsteam auf die vielen Traumsequenzen und Kindheitserinnerungen Anselmis verzichtet hat.
In Fellinis Film dient die Riesenkulisse einer Raketenstartrampe als Symbol für Anselmis ins Unendliche strebenden Kunstwillen. Im Heidelberger Theaterkino lässt sich solch ein Kulissenturmbau zu Babel natürlich nicht realisieren. Für den Bühnenbildner Jürgen Höth stellt das jedoch kein Problem dar. Ideenreich wie er ist, lässt er als Chiffre für all die luftigen Gedanken und Träume gegen Ende der Vorstellung eine riesige transparente Plastikplane aufpumpen. Diese Blase der Illusion platzt nie, obwohl auf und vor ihr gespielt wird. So ist das eben mit der Kunst: Kraft der Phantasie bleibt sie bestehen - selbst dann, wenn am Ende allmählich die Luft entweicht und die Blase in sich zusammensackt. Ein Bild, das letztlich für die gesamte Produktion zutrifft: viel Phantasie - aber irgendwann geht dem Unternehmen doch die Luft aus. Freundlicher Premierenbeifall.
Rhein-Neckar-Zeitung, 05.10.09, Volker Oesterreich
Hören Sie zur Eröffnung des THEATERKINOS mit FELLINIS 8 1/2 auch den Bericht des SWR4.

















