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Pressestimmen - Der Process
Ganz und gar nicht zum Scheitern verurteilt
Das Heidelberger Kinder- und Jugendtheater zwinger3 hat es gewagt, Franz Kafkas Roman „Der Process“ auf die Bühne zu bringen
Kafkas „Process“ auf die Bühne bringen? Zum Scheitern verurteilt! Geradeso wie der Versuch des Roman-Protagonisten Josef K., dem gerichtlichen Verfahren, das gegen ihn geführt wird, Sinn abzutrotzen – könnte man meinen. Wird man aber nicht mehr meinen, wenn man die fulminante Fassung des Heidelberger zwinger3-Theaters gesehen hat, die jetzt Premiere feierte.
Anders als Josef K., der zwar in der ersten Szene verhaftet wird aber niemals inhaftiert wird, ist das Publikum von Anfang bis Ende gefesselt. Und zwar allein schon von den Achterbahnfahrten der Darstellung und der Eindringlichkeit der Kulisse. Starräugig, (wohl von steifer Behörden-Briese) zerzauste Zombie-Handpuppe beherrschen die Bühne. Über ihr baumelt wie ein Damoklesschwert die Mutter jeder Sinngebung: Das Alphabet – jedoch zerstückelt, zu einem auf Schilder montierte Buchstabensalat.
Außer Josef K., dem Cédric Pintarelli zu menschlichem Fleisch und Blut verhilft, sind auch die Figuren des Stückes Frau Grubach (Sigrid Meßner), Fräulein Bürstner (Carla Weingarten) und der Untersuchungsrichter (Massoud Baygan), bis zur Puppehaftigkeit auflackiert. Hinter den alabasterweißen Masken lauern jedoch die abgründigsten Grimassen. Mal gibt sich Frau Grubach als schnurrendes Miezekätzchen, mal als mechanische Sprech-Maschine, und dann wieder als männerfressende Bestie. Ebenso wenig Verlass ist auf die Charakter-Konsistenz von Fräulein Bürstner und dem Untersuchungsrichter.
Aber kein Wunder, denn die drei verkörpern nicht nur sich selbst, sondern übernehmen auch noch Texte und Eigenschaften anderer Figuren des Romans. Das klingt nicht nur verwirrend, sondern ist es auch und muss sogar sein. Denn genau durch solche spielerischen Tricks ist es Michael Schwyter (der ansonsten Schauspieler-Kollege der zwinger3-Darsteller ist) in seiner zweiten Regiearbeit gelungen, eine adäquate Bühnenfassung der Romanvorlage zu zaubern. Durch Verdichtung und Überblendungen von Texten und Figuren ist am Ende keinerlei eingleisige Interpretation möglich, zu der Adaption von Romanen dieses Kalibers gerne tendieren. Was bleibt, ist die Verwunderung über sich niemals auflösende Pradoxien.
Auch ansonsten hat Schwyter zahllose Klippen, an denen Adaptionen zu zerschellen drohen, keineswegs feige umschifft, sondern geschickt verarbeitet. So etwa die klaustrophobische Subjektivität, die im Roman durch die Erzählweise der erlebten Rede zum Ausdruck kommt. Auf der Bühne wird dies umgesetzt, indem nur K. ausschließlich den eigenen Text spricht und so zur einzigen authentischen Figur wird. Die Figuren der Außenwelt sind hingegen beliebig austauschbar, sogar mit Puppen. Es kann sich also durchaus lohnen K. nachzuahmen und scheinbar zum Scheitern verurteilte Aufgaben anzugehen.
Rhein-Neckar-Zeitung, 24.11.07, Bastian Strauch
Die Crux mit der Greifbarkeit des Kafkaesken
Josef K. ist ein smartes Bürschchen, trägt Timberland-Mokassins, Levi's und ein sauber gebügeltes Hemd. In seinen Locken glänzt das Haargel. Vor dem K42 hat er wohl seinen BMW abgestellt, im Sommer segelt er mit der elterlichen Yacht auf dem Bodensee herum. Josef K. nicht mehr als Stöckchen schwingender Prokurist einer großen Prager Bank um 1900, sondern als Bürgersöhnchen, das sich den heutigen Konventionen unterwirft: Dieser Ansatz ist überraschend und reizvoll zugleich.
Reizvoll auch, weil dabei die Hauptfigur aus Kafkas Romanfragment "Der Prozess" plötzlich zu einer konkreten Figur wird, einer Person aus Fleisch und Blut. Man ist erstaunt, beinahe erschrocken über diesen konkreten Josef K., der sich in Michael Schwyters Bühnenversion nicht mehr seltsam gefühlsneutral in der unheimlich verschobenen Schwarzweißwelt der Romanvorlage bewegt, sondern Gefühle zeigt, schreit, verzweifelt ist. Dasselbe auch bei den anderen Romanfiguren, die auf drei weitere Schauspieler aufgeteilt werden: So surreal ihr Auftreten zuweilen ist, die Personen sind allesamt greifbar, wo Kafka sie im gespenstischen Nirgendwo belässt. Bei Schwyter müssen sie sich nicht hinter stilisiertem Auftreten verbergen. Dieser Zuwachs an Wirklichkeit ist besonders ausdrucksstark, wenn er zu Interaktion mit dem Publikum führt. So beispielsweise, als zu Beginn des Stückes der in bewährter Manier grau eingefärbte Untersuchungsrichter (Massoud Baygan) und seine Gehilfin prüfenden Blickes das Publikum inspizieren. Ein ums andere Mal bleiben sie stehen, fixieren eine Person und beginnen sich leise über sie zu unterhalten: Verurteilung live. Ebenso stark der Einfall, den Zuschauerraum zum Wartezimmer vor den Dachkanzleien des ominösen Gerichtes zu machen. "Sie alle sind Angeklagte wie ich?" fragt Josef K. (Cédric Pintarelli) ins Publikum - und der Untersuchungsrichter tritt, Eiseskälte verströmend, durch die Reihen, begrüßt Angeklagte und wünscht ihm für den Fortgang seiner Angelegenheit alles Gute.
Das macht Kafkas "Prozess" plötzlich erstaunlich fasslich - nur verbirgt sich gerade darin auch ein Problem. Denn Kafka hat in seinem Roman so ziemlich alles unternommen, um Greifbarkeit zu verhindern. Alles liegt im Unbestimmten, die minutiösen Beschreibungen verbergen mehr als sie enthüllen, das Groteske und Bizarre schafft eine Welt zwischen Realität und Irrealität. Fast ließe sich sagen, in der Ungreifbarkeit des Dargestellten liege eine der Hauptaussagen des Romans. In Schwyters "Process" sorgen die Handpuppen, die jeder Schauspieler als Maske, beinahe schon als Leiche seiner selbst mitführt, für eine "kafkaeske" Ebene, in die jederzeit gewechselt werden kann.
Dennoch wird im Verlauf des Stückes die Gefahr immer größer, den Kafkaschen Roman in seiner dramatischen Behandlung eines großen Teils seiner besonderen, rätselhaften Atmosphäre zu berauben. Das Groteske wird in seiner Anschaulichkeit allzuschnell zum Komödiantischen, die bei allen Frauenfiguren des "Processes" unterschwellig mitschwingende Erotik wirkt in der Drastik der Bühnendarstellung (Carla Weingarten und Sigrid Meßner) eher verwirrend. Verwirrend auch und auf Dauer ermüdend, dass es so laut zugeht. Im Roman wird erst gegen Ende einmal geschrien, in Schwyters Version nach der äußerst gelungenen, unheimlich-schweigsamen Einleitung leider die meiste Zeit.
Südkurier, 07.03.2008
Gerichtsbeschluss: Einfarbig
Jugendtheater: Franz Kafkas „Der Prozess“ im zwinger3
Josef K. wird eines Morgens von zwei Männern ohne Begründung in seiner Wohnung verhaftet, darf aber wiederum in vermeintlicher Freiheit sein Leben fortführen. Was sich für ihn wie ein schlechter Scherz anhört, ist der Beginn einer Spirale surrealer Bürokratie. Auf seiner Suche danach, welche Schuld ihn trifft, und nach der Frage, welches Gericht ihn anklagt, begegnet er dubiosen Gestalten und skurrilen Typen. Doch niemand kann oder will ihm helfen. Und so irrt K. durch ein undurchsichtiges Gerichtssystem bis hin zu seiner Hinrichtung.
Franz Kafkas fragmentarischer Roman „Der Prozess“ ist eine Art Krimi und Groteske zugleich. Auf Letztere setzt Regisseur Michael Schwyter. Es beginnt schon mit der leichten und naiven Melodie einer Drehorgel, mit der der Zuschauer beim Einlass abgeholt wird. Unter der Decke hängen Tafeln mit Buchstaben. Ganz vorne der Buchstabe „K“ – stellvertretend für alle anderen Anfangsbuchstaben unserer Namen. Nur eine „Nummer“ in einem bürokratischen System. Heute trifft es Josef K., der den aussichtslosen Kampf mit dem Gesetz auf sich nimmt, bereitwillig den Zuschauerraum verlässt und in das verworrene Spiel einsteigt. Hier erwarten ihn bereits Frau Grubach (K´ s Vermieterin), der Untersuchungsrichter und Fräulein Bürstner (K´s Nachbarin), die sich in dieser Inszenierung zu einem trashigen Trio zusammengetan haben, um K. durch die Geschichte zu katapultieren.
Um weitere Figuren zu etablieren, wechseln sie die Identitäten oder lassen greisenhafte und dämonenartige Handpuppen für sich sprechen und agieren. Das sorgt für Verwirrung, weil man nicht immer weiß, wer gerade wer ist, denn Namensnennungen fehlen teilweise, und Szenenwechsel sind verwischt. Weiterer Wehrmutstropfen: Schweyter hat seine Handpuppen so wahllos eingesetzt und damit die Möglichkeit verpasst, seiner Inszenierung neben der komischen konsequenter eine kriminell-düstere Farbe zu verleihen. So bleibt´s nur bei einem bunten Treiben auf der Bühne und einem leider etwas eintönigen Theaterabend.
scala
Herr K. schwebt zwischen Alptraum und Realität
FRIEDRICHSHAFEN - Michael Schwyter vom Jugendtheater "zwinger3" des Theaters der Stadt Heidelberg hat Kafkas Novelle "Der Process" für die Bühne bearbeitet. Zweimal ist am Mittwoch im Kiesel zu erleben gewesen, wie packend die Adaptation dieses Stückes sein kann, das 2008 und 2009 zum Themenkanon des Deutsch-Abiturs zählt.
Über wenige Werke der Literatur wurde so viel gerätselt wie über Franz Kafkas Hauptwerk "Der Process". Man wird sich immer fragen, ob ein Werk, das ursprünglich nur zum Lesen gedacht war, unbedingt dramatisiert werden muss, doch der Anteil der Dialoge im "Process" ist sehr hoch und dazu kommt das Spiel auf der inneren Bühne des Haupthelden Josef K. Genug Argumente für eine dramatische Umsetzung eines völlig irren Geschehens, erst recht, wenn sie so schlüssig und fesselnd gelingt wie hier.
Ausgangspunkt: Ein junger, vermutlich erfolgreicher Bankangestellter (Cédric Pintarelli) wird eines Morgens ohne jede Begründung verhaftet, darf sich aber weiterhin frei bewegen und bekommt von niemandem eine Antwort. Eine Situation, wie sie abgewandelt in totalitären Staaten durchaus vorkommt. Das Ende in der Bühnenfassung: Herr K. wird langsam erdrosselt.
Auf der offenen Bühne steht eine Art Käfig, ein offenes Dach. An den Wänden hängen die Buchstaben eines zerhackten Alphabets. Am Boden liegen lemurenhafte weiße Puppen. Eine Frau spielt eifrig die Drehorgel. Aus dem Lautsprecher tönt mit schnarrender Stimme Kafkas Erzählung "Vor dem Gesetz". Josef K. schläft noch, die beiden Frauenfiguren, Frau Grubach und Fräulein Bürstner, und der Untersuchungsrichter werden ihn unsanft wecken, die weißen Puppen vor sich, in den Armen oder wie auch immer. Herr K. erfährt, dass er angeklagt wurde. Herr K. schwebt zwischen Alptraum und Realität.
Er eilt die Treppe hoch, kommt zurück, noch unfähig zu begreifen, was hier gespielt wird. Er bäumt sich auf. Die anderen kommen ihm scheinbar entgegen, um ihm anschließend mit gesteigerter Grobheit und beißendem Hohn zu begegnen. Ein Mensch ist hier seinem Schicksal ausgeliefert, ist völlig machtlos. Die Frauen benehmen sich wie billige Huren oder automatenhaft oder anschmiegsam. Was sind sie wirklich? Der Zuschauer muss selbst eine Antwort finden. Und wer ist der Untersuchungsrichter, der Gerichtsmaler Titorelli? Ist das Ungeheuerliche, das sich hier abspielt, Ausdruck einer krankhaften Phantasie, ist es Alptraum oder doch Wirklichkeit? "Alles gehört zur Gerichtskanzlei", sagt der Untersuchungsrichter/Gerichtsmaler und heult, als Josef K. sie alle entlassen will.
Figuren der Novelle verdichtet
Beim Lesen des Kafka-Textes entsteht das Bild auf der eigenen inneren Bühne. Beim Betrachten des Spiels vermischen sich die Ebenen, der Heidelberger Michael Schwyter hat Figuren aus der Novelle verdichtet, Texte überblendet. So erhalten einzelne Sätze auf einmal ein ganz anderes Gewicht. Ein großartiges Erlebnis und mächtig anstrengend dazu - doch wer hat denn behauptet, dass Theater einfach nur Unterhaltung zu sein habe?
Schwäbische Zeitung, 07.03.2008














