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Pressestimmen - FOR LOVE
Ich ist immer ein(e) andere(r)
In „For Love“ legen Schauspielerin Sandra Hüller und Tänzer Graham Smith als Courtney Love und Kurt Cobain eigene und gemeinsame Grenzen und Sehnsüchte frei
Wie ein Schatten kauert der Tänzer Graham Smith im Bühnendunkel am Boden. Das Stück „For Love“ vom physical virus collective, kurz pvc beginnt aus der Stille mit einem furiosen Ausraster. Smith tanzt Kurt Cobain mit harten Schlägen gegen die Bühnenwand. Mal ist es der Kopf, mal der Torso oder Arme und Beine des Tänzers, die wuchtig gegen die Wand donnern. Erschöpft und außer Atem muss Smith immer wieder inne halten, um zum nächsten Schlag auszuholen. Dem Choreografen von „For Love“ gelingt mit dieser Selbstzerstörung ein gewaltsamer, zugleich irritierender Anfang, der das gesamte Stück kennzeichnet.
Courtney Love, Ehefrau und Gegenspielerin von Kurt Cobain wird von Sandra Hüller getanzt, gesungen und gesprochen. Zaghaft betritt Hüller die Bühne über eine Treppe, die zuerst ihre Füße in schwarzen Stöckelschuhen, dann den Wuschelkopf und schließlich ihre ganze Figur freigibt. Was erotisch verspielt beginnt, schlägt bald um in die verzweifelten Ausbrüche der Popdiva Love. Die Kraft, die Graham Smith in seinen Tanz gibt, steckt Schauspielerin Sandra Hüller in Stimme und Gesang. Beider Künste verbinden sich auf geniale Weise, um die Beziehung des Musikerpaares Love/Cobain von einem Extrem ins andere übergehen zu lassen. Während etwa Hüller mit Armen und Worten fuchtelnd an der Bühnenwand lehnt, wirft sich Smith parallel zur Wand mit ganzer Körperlänge über die Schauspielerin und droht „Love“ zu zerquetschen.
Nie wird der Kampf zwischen den beiden Stars langweilig, denn die Choreografie unter der Regie von Tom Schneider fügt genau an den entscheidenden Stellen im Stück feine Überraschungseffekte ein: So erwächst etwa aus einer erschöpft nach vorne gebeugten Courtney Love an der Bühnenwand eine simpel gezeichnete Comic-Figur, die für ein paar Minuten als Animation einen skurrilen Bewegungsverlauf zeigt. Sandra Hüller – inzwischen im Publikum angelangt – begleitet ihn onomatopoetisch. Ebenso effektvoll ist eine Wut-Sequenz von Hüller, die mit ihrem Kopf die Bühnenwand durchstößt. Das Gesicht der Schauspielerin erscheint riesengroß auf der Bühnenwand und gibt die Spuren erschöpfender Aneignungen von Identitäten einer Courtney Love preis. Später liegen Hüller und Smith umschlungen am Boden und mimen mit verschieden breitem Grinsen ein Herz und eine Seele.
„For Love“ ist ein wuchtiges Stück Arbeit an Tanz, Sprache und Gesang, das den schmalen Grat zwischen Liebe, Anerkennung, Selbstzweifel und Zerstörung offen legt.
tanznetz.de, 17.4.2009, Nora Abdel Rahman
Versuchte Zweisamkeit
Tom Schneider inszeniert dás Tanzschauspiel "For Love" auf der Freiburger Kammerbühne
Manchmal genügt eine gelungene Szene, um eine Theateraufführung ins Gedächtnis einzubrennen. Eine solche gibt es im Tanzschauspiel "For Love", das jetzt auf der Kammerbühne des Theaters Freiburg Premiere hatte. Sandra Hüller alias Courtney Love klatscht an die Wand. Unvermittelt löst sich von ihrem Körper eine Umrisszeichnung und führt ein Trickfilmeigenleben. Hüller/Love folgt dem gezeichneten Treiben und beendet es, indem sie den Kopf gegen die Wand rammt. Der durchstößt die Wand und wird damit augenblicklich von einer Kamera erfasst, die ihn überlebensgroß auf die Rückwand projiziert. Langsam neigt Hüller das Gesicht, bis nur noch die Haare über das Projektionsloch fließen. So schön wurde dem von der Rockmusik verklärten "Break on through to the other side" selten eine Absage erteilt. Für Stars gibt es keine andere Seite, höchstens das Jenseits.
"For Love" ist Startheater. Die Schauspielerin Sandra Hüller ist ein Star: Nachwuchsschauspielerin des Jahres, bayerischer Filmpreis, Preis der deutschen Filmkritik, Silberner Bär, deutscher Filmpreis, Ulrich-Wildgruber-Preis. Die von ihr gespielte Courtney Love ist ein Star, als Musikerin, Schauspielerin, Ehefrau von Kurt Cobain und skandalträchtige Popikone. Und der von pvc-Tänzer Graham Smith gespielte Kurt Cobain hat sich und seine Band Nirvana durch seinen Selbstmord zur Legende gemacht.
Drei Stars, drei Arten mit Starruhm umzugehen. Cobain überlebt ihn nicht. Gleich in der Eröffnungsszene liegt er hingestreckt da. Die Bühnenbildnerin Franziska Jacobsen ist den Spuren der vorangegangenen Inszenierungen in der für diese Saison als Wucherbühen konzipierten Kammerbühne mit weißer Farbe und bunter Tapete zu Leibe gerückt. Wenn man den Kopf etwas dreht sieht man noch Reste der Kriegsoptik von Dea Lohers Afghanistan-Stück. Krieg ist ein Themenschwerpunkt, aber Blut wird zum ersten Mal an diesem Abend fließen. Nicht viel, ein paar Tropfen vom Fingerknöchel, aber genügend, um zu erkennen, mit welcher Wucht Graham Smith seinen Cobain immer wieder gegen die Wände donnern lässt. In Tom Schneiders Inszenierung befindet er sich dauernd im Kampf, mit Courtney Love und gegen sich selbst. Am Ende verliert er gegen beide.
Courtney Love sähe sich gern als großer Star, der die Showtreppe herunterschwebt und den Jubel der Fans entgegen nimmt. So kommt sie dem Freiburger Publikum entgegen. Doch das ist nur eine ihrer vielen Masken. Von einer Sekunde zur anderen bricht sie in Geschrei aus, hebt ihr Kleid, sagt Liebesklischees zwischen Paulusbrief und Erich Fried auf und sucht doch am Ende immer noch vergebens ihr wahres Ich im Garderobenspiegel.
Hüller strukturiert Loves Weg in drei Songs. Erst die "appetizing young love for sale", das junge Ding bei der Selbstwertsteigerung auf dem Markt der Eitelkeiten. Dann mit "I want to be your wife" die versuchte Zweisamkeit - im milden Spotlight zärtlich, aufrichtig, doch kaum wird die Szene erbarmungslos ausgeleuchtet, verpufft die Beziehung im Geltungsdrang.
Für den dritten Star, Sandra Hüller, bietet der Abend die schöne Gelegenheit mit den vielen Gesichtern der Courtney Love ihre facettenreiche Schauspielkunst im kleinen, gemütlichen Rahmen vorzuführen. Ihre Courtney ist allerdings kaum eine von selbstzerstörerischem Exhibitionismus und einem "better to burn out, than to fade away" Getriebene, sondern bleibt eher ein mit züchtiger Ekstase und präzisem Handwerk gestaltetes Abziehbild. Vielleicht eine wichtige Grenzziehung so von Star zu Star, aber doch etwas irritierend. So ist in diesem Stück vielleicht Graham Smith in seiner angenehm bescheidenen Art der heimliche Star der Herzen.
Badische Zeitung, 19.1.2009, Jürgen Reuss
Zerrbilder einer Skandalnudel
Das Stück "For Love" eröffnet das vierte Tanzfestival in Heidelberg
Die Skandalnudel Courtney Love macht gerade wieder in den Klatschspalten von sich reden.Sie soll eine Modedesignerin beleidigt haben. Die Lappalie wird tausendfach herausposaunt, weil sie den ramponierten Ruf der Sängerin bestätigt. Die Witwe des Rockstars Kurt Cobain, die sich und ihr Luxusleben nicht unter Kontrolle hat, beschäftigt auch die Schauspielerin Sandra Hüller so sehr, dass sie die Krawallschachtel als zerrissene Kunstfigur auf die Bühen bringt.
Vermutlich hat die Hochtalentierte den größten Anteil an der Gestaltung der Performance "For Love", mit der das vierte pvc-Tanzfestival im ausverkauften Heidelberger Zwinger eröffnet wurde. Sandra Hüller dominiert diese Zertrümmerung einer Persönlichkeit.
Die Darstellerin faszieniert, ob sie hässlich oder bedauernswert erscheinen will, ob sie nach Liebe schreit oder Liebe spendet. Sie wühlt sich durch ein Chaos von plötzlichen Stimmungsumschwüngen; eine Frau im Ausnahmezustand brüskiert, plärrt, torkelt ohne Sinn und Verstand. Ohne Verstand? Die Explosionen und Zerrbilder der Sandra Hüller ergeben sich aus einer Wandlungsfähigkeit, hinter der solides Handwerk steckt.
Ihre zahlreichen Auszeichnungen, darunter der Silberne Bär der Berlinale 2006, bekam sie unter anderem für ihre Gabe, Menschen in Grenzsituationen zu verstehen. Die Zuschauer können beobachten, wie sich eine stolze Attitüde entwickelt, wie der trotzige Blick in einer weltumarmenden Geste aufweicht.
In Freiburg steht die pvc-Produktion "For Love" fest auf dem Spielplan. In Heidelberg gastiert sie nur an zwei Abenden während des Tanzfestivals. Da Sndra Hüller keinerlei Tanzerfahrung besitzt, begibt sie sich in die Hände ihres Partners Graham Smith und lässt sich als Objekt von Zärtlichkeit oder (gebremster) Gewalt vorführen.
Während Smith als heroinsüchtiger Kurt Cobain mit Kopf und Körper unentwegt gegen die Wände klatscht, behandelt er Sandra Hüller wie ein rohes Ei. Dem Autor und Regisseur Tom Schneider sind wohl die Video-Spielereien zu verdanken, die den Akteuren Gelegenheit geben, Atem zu schöpfen.

















