Theater und Orchester Heidelberg
Foto Sebastian Bühler

Angst vor dem sozialen Abstieg

Mit Regisseur Markolf Naujoks sprach Dramaturg Jürgen Popig über seine Inszenierung von Falladas Kleiner Mann − was nun?. Premiere war am 23.11.2017 im Zwinger¹.

Jürgen Popig: Der Roman von Hans Fallada ist 85 Jahre alt. Was ist deine Motivation, ihn heute auf die Bühne zu bringen?

Markolf Naujoks: An der Aktualität der Konflikte hat sich kaum etwas geändert. Und Falladas emphatische Wärme, die konkrete Poesie, die in seinen Alltagsbeobachtungen steckt, ist zeitlos. Ich finde, man kann ruhig von einem Meisterwerk sprechen. Allein der Erzählton, so leicht und schlicht, aber trotzdem ergreifend, menschlich, mit einer verspielten, fröhlichen und manchmal bitteren Ironie. Pinnebergs Wut und Hilflosigkeit können mit Sicherheit von vielen nachempfunden werden, auch wenn heute alles vielleicht weniger existenziell bedrohlich ist als 1931. Es gilt genau wie zur Entstehungszeit des Textes: Die sozialen und ökonomischen Strukturen und Zwänge, die wir uns gebaut haben, sind (nicht für alle, aber für sehr viele Leute) eigentlich unvereinbar mit den einfachsten menschlichen Grundbedürfnissen: Geborgenheit, Sicherheit, soziale Gerechtigkeit. Stattdessen leben viele Menschen in der Angst vor dem sozialen Abstieg, kämpfen mit dem Leistungsdruck oder werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt und dort vergessen.

Jürgen Popig: Du wählst immer wieder Romane oder Erzählungen als Grundlage für deine Theaterinszenierungen. Warum? Sind die vorhandenen Theaterstücke nicht gut genug?

Markolf Naujoks: Nein, überhaupt nicht. Ich kann das einfach ganz gut, denke ich. Weil mir der Vorgang des Erzählens so sympathisch ist. Bei Theaterstücken wird ja gehandelt und weniger erzählt. Romane haben einfach beides. Und man ist dann freier, was man mit den Erzählpassagen macht. Ob das Szenen werden oder Erzähltext, was man für Übersetzungen und Bilder findet, da ist mehr möglich für meine Fantasie.

Jürgen Popig: Die Bühnenfassung erarbeitest du zusammen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern – Nicole Averkamp, Sheila Eckardt, Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Hendrik Richter und Andreas Seifert – auf den Proben. Nun ist vor kurzem das Originalmanuskript von Hans Fallada aufgetaucht. Es stellte sich heraus, dass die bisher veröffentlichte Version um etwa ein Viertel gekürzt war. Verwendest du Teile des neu entdeckten Materials?

Markolf Naujoks: Es gibt schon einige neue wunderschöne Passagen. Zum Beispiel Pinnebergs Gedanken zu Robinson Crusoe. Den Traum von der Höhle, in der man sich vor der Welt verbergen kann. Da verwenden wir was. Aber im Grunde war der Roman auch vorher schon gut.