Theater und Orchester Heidelberg
Probenfoto von Sebastian Bühler

Fünf Fäuste für ein Halleluja

Anlässlich seiner Inszenierung von Goethes Faust sprach Dramaturgin Lene Grösch mit Regisseur Philipp Preuss. Die Premiere war am 17. Februar im Marguerre-Saal.

Lene Grösch: Goethes Faust gilt als das bedeutendste und meistzitierte Werk der deutschen Literatur von dem bedeutendsten deutschen Dichter. Wie nähert man sich als Regisseur diesem Stück? Ist die enorme Rezeptionsgeschichte eher bereichernd oder störend?
Philipp Preuss: Es ist großartig, aber auch befremdlich. Die Unbedingtheit, der Egoismus, die Suche und Sucht dieser Figur ist frappant. Ich brauchte eine Zeit, um Motive zu verstärken, die mich interessieren, um sie herauszuarbeiten. Tatsächlich sind die vielen bekannten Zitate, die sogenannten »Kalendersprüche«, hinderlich, da sie den philosophischen und existentiellen Inhalt dieses Werks inzwischen verstellen.

Lene Grösch: Du hast zuletzt am Theater Mülheim Elfriede Jelinek inszeniert. Dort warst du mit anarchischen Textflächen konfrontiert, bei Goethe sind es jetzt Knittel- und Madrigalverse. Wie gehst du mit Sprache um?
Philipp Preuss: Bei Jelinek ist man ein wenig wie ein Bildhauer, der Szenen und Figuren aus dem Textblock meißelt, bei Goethe gilt es, glaube ich, die Strömungen neben und unter dem Text zu entdecken, man muss seinem Sprachglanz misstrauen und die Subtexte bloßlegen. Ein Abend besteht aus Körper, Raum, Sprache, Licht, Video, Kostüm. Ich bin in dem Sinne werktreu, dass ich gerne übersehene Motive entdecke, wie jetzt bei Faust Spiegelungen, Rausch, Ichzerfall, Unbewusstes.

Lene Grösch: Wie werden auf der Bühne nicht nur einen Faust-Schauspieler, sondern gleich mehrere sehen. Wie kam es du dieser Entscheidung?
Philipp Preuss: Ich denke, Goethe selbst war kein besonderer Freund von Identität, von Nation schon gar nicht. Er war ja absolut gegen Deutschtümelei. Es gibt einen sehr programmatischen Satz von Arthur Rimbaud: »Je est un autre«, also »Ich ist etwas anderes«. Und Faust beschreibt diesen Ichzerfall selbst, er beschreibt sich als Spiegelbild seiner selbst, er kann sich nicht fassen, er rennt zu sich hin und gleichzeitig von sich weg. Bei uns gibt es also fünf Faustfiguren, die gleichzeitig Mephisto sind. Auch Margarete wird mit Helena zusammengedacht, als eigentlich nichts Abgeschlossenes. Es gibt diesen Text von Goethe: »Das Leben ist wie ein Gedicht, es hat einen Anfang und auch ein Ende sicherlich, nur ein ganzes ist nicht.«

Lene Grösch: Wie liest du das Verhältnis Goethes zu seinen »Faust«-Figuren?
Philipp Preuss: Goethe hatte diesen »Faust« ein Leben lang im Rucksack, in der Schublade und im Hinterkopf. Dass er sich darin selbst auch negativ zeichnet, war ihm wohl auch bewusst. Tatsächlich ist dieser Faust die Projektionsfigur unserer westlich-europäischen Identität, im positiven in Form von Bildung, Wissenschaft, Aufklärung und vice versa in Form von Ausbeutung, Gewalt, Patriachat, Machtmissbrauch, Kolonialismus. Es ist das Stück über den Anfang der Industrialisierung, über Beschleunigung und die Entdeckung des Kontinents der Psychologie, also über den Motor unserer Gegenwart. Da kann etwas Dreck und Öl nicht schaden.

 

Faust

Mit Motiven aus Faust II
von Johann Wolfgang von Goethe

Gretchenfragen

Spartenübergreifendes Faust-Symposion. Vorträge, Lesungen und Diskussionen