Theater und Orchester Heidelberg
Foto Sebastian Bühler

»Politik mit der Angst«

Mit dem Autor Thomas Arzt sprach Dramaturg Jürgen Popig über sein neues Stück Die Anschläge von nächster Woche. Die Uraufführung wird inszeniert von Brit Bartkowiak; Premiere war am 09.02.2018 im Zwinger¹.

Jürgen Popig: Als wir über mögliche Stoffe für ein Auftragswerk sprachen, hattest du bereits ein fertiges Exposé für Die Anschläge von nächster Woche in der Schublade (damals noch unter einem anderen Titel). Was war für dich der Anlass, dieses Stück zu schreiben? Wie bist du auf die Idee gekommen?
Thomas Arzt: Die Idee kam mir beim Wien-Marathon 2015. In der Nacht davor hatte meine Frau geträumt, dass beim Lauf, an dem wir beide teilnahmen, eine Bombe explodiert. Beim tatsächlichen Lauf hatten wir dann ein mulmiges Gefühl, was dazu führte, dass wir bei jedem Rettungseinsatz auf der Strecke zusammenzuckten und das Schlimmste befürchteten. Es ist nichts passiert, aber irgendwie war ich überzeugt, dass etwas passieren müsse. Ich habe danach begonnen, eine Geschichte über diesen Sog zu schreiben: was passiert, wenn man sich in »etwas« hineinsteigert. Wie monströs wirkt die Welt, wenn man sie »angstbefallen« betrachtet? Wie sieht das aus, wenn einen die Angst verfolgt? Oder folgt man den eigenen Ängsten manchmal mehr als einem lieb ist? Dass daraus nun ein Stück über einen Terrorverdächtigen entstanden ist, hat natürlich mit den Anschlägen der letzten Jahre zu tun – aber vor allem mit dem ambivalenten gesellschaftlichen Blick darauf, was wir als Bedrohung einstufen. Wenn Gesellschaften Politik mit der Angst machen, verschiebt das den Fokus auf gefährliche Weise. Es gibt immer mehrere Argumente, eine Mauer zu bauen: aus Angst, überfallen zu werden, oder aus Angst, den Blick nach draußen nicht mehr zu ertragen.

Jürgen Popig: Aber hat sich das Leben durch die vielen Terroranschläge der letzten Zeit nicht wirklich verändert? Sind die Ängste vieler Menschen nicht berechtigt?
Thomas Arzt: Natürlich ändert sich das Leben für alle, die von einer Gewalttat direkt betroffen sind, egal, ob diese Gewalt jetzt terroristisch motiviert ist oder andere Gründe hat. Und auch alle, die Zeugen von Gewalt wurden, werden diese Bilder nicht mehr so leicht los. An mir selbst merke ich aber, dass sich weniger mein Leben als meine Wahrnehmung und die Akzeptanz von Bedrohung verändert haben. Vor zwei Jahren hätte ich gesagt, ich bin wütender als früher. Und dass es wichtig wäre, sich nicht den Mut nehmen zu lassen. Das hatte mit dem Slogan »Je suis Charlie« zu tun und einer europaweiten Solidarität, die meinte: Wir lassen uns unsere Demokratie nicht nehmen, wir feiern die Freiheit! Einige Monate später hat eine Normalität im Umgang mit dem Terror eingesetzt. Und jetzt ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich eher abgestumpft Meldungen überfliege oder sogar davon ausgehe, dass bald wieder »etwas sein müsste«, weil es die Statistik sagt. Diese Verschiebungen auf das, was uns Angst machen könnte, sollte oder müsste, sind nie frei von medialer und politischer Beeinflussung passiert. Und sie haben letztlich sicher Auswirkungen gehabt auf das, was man als Rechtsruck Europas beschreibt. Ich halte derzeit die Bedrohung, dass wir selbst unsere demokratischen Systeme im Namen der Sicherheit zurückbauen bzw. demontieren, für realistischer als die Annahme, dass mehr Überwachung und größere Zäune das Zusammenleben sicherer gestalten würden.

Jürgen Popig: Am Ende deines Stücks ist man verunsichert. Ist Tartini eine bloße Erfindung von Armin gewesen? Oder hat Göttinger sich das Ganze ausgedacht? Gibt es eine Lösung?
Thomas Arzt: Das ganze Stück spielt mit Behauptungen. Mit Geschichten, die auf den ersten Blick erlogen sein müssen, weil sie fast fantastisch wirken. Denn dieser Armin erzählt ja, dass viele der Terroranschläge der letzten Jahre mit ein und derselben ominösen Figur zu tun hätten – mit diesem Tartini, der vielleicht so etwas wie die personifizierte Angst ist. Letztlich ist es aber immer nur eine Erzählung, die er uns auftischt. Aber auch die anderen Figuren erzählen von Dingen, die letztlich im Stück nicht verifizierbar sind. Weiß Eva mehr über Armin, als sie zugibt? Das werde ich als Autor freilich nicht auflösen. Ich versuche, von einem Geflecht von Narrationen zu erzählen, von einem Labyrinth vielleicht, das den aktuellen Diskurs über Ängste in unserer vom Terror bedrohten Welt spiegelt, das aber einen eigenen Sog entwickeln soll. Die Verunsicherung ist letztlich die Aufforderung, sich immer selbst neu zu überprüfen.