Theater und Orchester Heidelberg
Foto Annemone Taake

Vom Tag zur Nacht

Interview mit Nanine Linning zur Uraufführung ihres neuen Stückes Dusk

Anne Gladitz: Nanine, am 11. November feiert Deine neue und zugleich letzte Produktion am Heidelberger Theater Dusk Uraufführung. Was erwartet die Zuschauer in diesem Stück?

Nanine Linning: Eine emotionale Vorstellung vom Übergang vom Tag zur Nacht, vom Leben zum Tod – eine ganz persönliche Geschichte. Und auch ein Stück, das mich zurück zu meinen choreografischen Wurzeln führt. Ich hatte Lust, ein reines Tanzstück zu kreieren und Räume zu schaffen für die Vielfalt an Emotionen, die sich im Moment des Abschiednehmens vom Leben finden. Es geht um diesen Übergang, den Zustand der Auflösung und des allmählichen Verschwindens. Dieses Rätselhafte und die Gefühlsdimensionen von tiefer Trauer und dem gleichzeitigen Verlangen zu leben. Die Unvermeidbarkeit und wann man ihr nachgibt oder dagegen ankämpft. Dusk ist eine Reise durch diesen Prozess.

AG: Nach Hieronymus B. wird Dusk wieder eine Produktion mit Orchester sein. Dafür arbeitest Du zum erstem Mal mit Generalmusikdirektor Elias Grandy zusammen.

NL: Ich bin sehr gespannt auf diese Kooperation und freue mich unheimlich, wieder mit unserem wundervollen Orchester zusammenzuarbeiten, das in der Vergangenheit bereits ein großartiger Partner meiner Produktionen war. Zum ersten Mal choreografiere ich auch zu Musik von Mahler, die sich für dieses Thema besonders eignet, da sie so intensiv und emotional ist, insbesondere das Ende der 9. Symphonie. Ich habe Dusk tatsächlich mit dem Schluss als erstes im Kopf zu kreieren begonnen.

AG: Seit Anfang September probst Du mit Deinen Tänzern im Studio. Die Arbeit an einem Stück aber beginnt schon viele Monate früher. Was passiert in dieser Zeit zwischen dem ersten kreativen Impuls und dem ersten Probentag?

Tanz_Portrait_NanineLinning

Nanine Linning; Foto S. Bühler

NL: Das ist ein Gefühl eines positiven Fiebers und gleichzeitig viel Aufregung und Unruhe, weil man diesen Drang hat, das Stück am liebsten heute schon sehen zu wollen. Vieles weiß ich bereits, aber einiges auch noch nicht, da es sich erst mit den Tänzern zu formen beginnt. Es ist ein interessanter Prozess, bei dem ich eine Art künstlerisches Interview mit mir selbst führe, darüber, was ich ausdrücken möchte und über die innovative Art und Weise, dies zu tun. Und dann geht es um ein Kennenlernen verschiedener Künstler.

AG: Die Kooperation mit internationalen Künstlern verschiedener Sparten ist zu einem Markenzeichen Deiner Produktionen geworden. Wie wählst Du Dein kreatives Team aus?

NL: Es ist eine Art künstlerischer Flirt mit Künstlern, denen ich begegne oder deren Arbeiten mich faszinieren. Ich treffe sie, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob sie auf einer Frequenz mit meiner Vision für ein Stück schwingen und ob ich genug Vertrauen fassen kann, mich in der Zusammenarbeit wirklich zu öffnen und authentisch sein zu können. Auf diese Art und Weise suche ich nach Tänzern und Assistenten, nach Kostümdesignern, Komponisten oder Videodesignern. Es ist ein künstlerisches Speed Dating (lacht).

AG: Die Dance Company steht am Beginn einer neuen Saison. Wie blickst auf Deine letzte Spielzeit am Heidelberger Theater?

NL: Ich freue sehr auf die neue Kreation und auch auf die kommenden Produktionen Bacon und Khôra sowie auf aufregende Gastspiele mit Hieronymus B. u. a. nach Ludwigshafen, Ludwigsburg und Winterthur. Und ich bin gespannt auf die neuen Tänzer in meinem Ensemble. Und in erster Linie freue ich mich, meine Zuschauer noch einmal zu inspirieren, mit ihnen ganz persönlich bei Publikumsgesprächen in Kontakt zu kommen und diese letzte Saison noch einmal gemeinsam zu feiern.

Dusk

von Nanine Linning