Ks. Winfrid Mikus, Christina Dom, Hye-Sung Na und Dietmar Nieder; Foto Klaus Fröhlich
Musiktheater

Der tausendjährige Posten oder Der Germanist

Mi 28.03.2012, 19.00 Uhr
  • Uraufführung
  • Mit Werkeinführung 18.30 Uhr
  • Oper in drei Akten
  • Musik Franz Schubert
    Libretto Irene Dische und Elfriede Jelinek basierend auf Der vierjährige Posten (D 190), Singspiel in einem Aufzug von Theodor Körner, und Die Zwillingsbrüder (D 647), Singspiel in einem Aufzug, nach dem Französischen von Georg Ernst von Hoffmann
  • Beginn: 19.00 Uhr
  • Dauer: 1 Stunde und 30 Minuten, keine Pause
  • Opernzelt
Franz Schuberts Singspiel Der vierjährige Posten erzählt von der Fahnenflucht aus Liebe eines an der deutsch-französischen Grenze stationierten Soldaten; im Einakter Die Zwillingsbrüder bringt die unerwartete Rückkehr zweier Zwillingsbrüder aus der Fremdenlegion eine Verlobung durcheinander. Irene Disches und Elfriede Jelineks Bearbeitung verleiht den heiteren Singspiel- Handlungen einen bitterbösen Dreh, indem sie den wahren Fall des Germanisten Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte zum Ausgangspunkt nimmt. Dieser ließ sich zur Verschleierung seiner SS-Vergangenheit von seiner Frau 1946 für tot erklären, um sie ein Jahr später als »entfernter Verwandter« des Verstorbenen erneut zu ehelichen. Prof. Dr. Hans Schall, einstmals SS-Haupt - sturmführer Schaal, hat sich nach dem Krieg in alter Gesinnung eine neue Identität gegeben – »einzig aus Liebe« zu seiner Frau. Die notwendige zweite Hochzeit zwischen den beiden in den 1950er Jahren wäre beinahe gescheitert und der ganze Plan aufgeflogen, als Kamerad Spieß aus Sibirien heimkehrte und sein Anrecht auf die Witwe des angeblich Verstorbenen geltend machen wollte. Nun blickt Schall auf eine erfolgreiche Laufbahn als Germanist zurück. Just als ihm von der Universität eine Ehren- medaille verliehen wird, deckt die Presse den Betrug auf.

Besetzung


  • Philharmonisches Orchester Heidelberg
  • Chor Theater und Orchester Heidelberg

Bilder

Der tausendjährige Posten oder Der Germanist
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Pressestimmen

  • Bitterböse Oper über Nazi-Germanisten bejubelt - Beklemmende Ironie und bitterböse Satire bestimmten am Samstagabend die Uraufführung der Oper „Der tausendjährige Posten oder der Germanist“ am Theater Heidelberg.
    In dem mit sehr viel Beifall bedachten Musiktheater wurden zwei Singspiele und Musik von Franz Schubert (1797-1828) raffiniert mit Zeitgeschichte kombiniert. Das Libretto von Irene Dische und der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek griff die unglaubliche Lebensgeschichte des 1999 gestorbenen Germanisten Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte auf. (…)
    Der für ihn stehende Protagonist „Prof. Dr Hans Schall / SS-Hauptsturmführer Schaal“ wird auf der Bühne gleichzeitig gekonnt von dem Schauspieler Dietmar Nieder und dem Tenor Winfrid Mikus verkörpert. Auch die mitwissende Ehefrau „Lieschen“ ist in einem biederen Bühnenbild aus 1950er-Jahre-Wohnung, röhrendem Hirsch-Modell und hölzern-trister Uni-Aula (Anne Neusser) doppelt besetzt.
    Die frühromantische Musik Schuberts und immer wieder geschickt eingestreute Solo- und Chorpartien wirken dabei als demaskierende Gesellschaftskritik.
    Focus Online/dpa, Christian Jung, 12.3.2012
  • Andrea Schwalbach inszenierte eine bitterböse gemeinte Satire auf den faustischen deutschen Mann. Dabei bezog sie weitere Schubert'sche Musik ein. Die Kopfmotive der bekanntesten Lieder ergeben eine Suite von Klingeltönen. Diese erklingen als Raumklanginstallation, wenn sich unter den Studierenden die Nachricht vom großen Betrug der bewunderten Koryphäe herumspricht. Man hört bei den Schalls zu Kaffee und Kuchen die "Unvollendete". Und einmal imitieren fünf Sänger die Wiedergabe eines Schubert-Quintetts von einer alten Schellack-Platte, die irgendwann hängen bleibt. Im Ganzen wie in den Details wurde alles richtig gemacht mit Schall und Schaal in Heidelberg.

    Den vollständigen Beitrag können Sie hier nachhören.
    Deutschlandfunk, Frieder Reininghaus, 11.3.2012
  • Einen Beitrag von Karsten Umlauf, gesendet am 12.3.2012 im SWR2 Journal am Abend, können Sie hier nachhören.
  • Eine heiße Story, die einen realen Hintergrund hat. (…) Regisseurin Andrea Schwalbach doppelt die Hauptfiguren Schall/Schaal und Lieschen. Den überzeugenden Schauspielern Dietmar Nieder und Christina Dom werden der Tenor Winfrid Mikus und die Sopranistin Hye-Sung Na zugeordnet. Mikus setzt dabei sein unverwechselbares Timbre ein (…). Die Entdeckung des Abends aber ist der Bariton Franz Schlecht als Walther Spieß, denn seine Stimme hat attraktive Farben, viel Substanz und Gestaltungskraft. Wilfried Staber als Journalist und Michael Zahn als Professor Schulze komplettieren des Ensemble angemessen. Der von Jan Schweiger einstudierte Chor sammelt wieder ein paar Extrapunkte.
    Bühne und Kostüme entwickelt Anne Neuser. Sie setzt das Orchester auf die Bühne, im Vordergrund werden die Figuren gruppiert. Es „schmeckt“ ein wenig nach Alter Aula, dazu kommen ein röhrender Hirsch als Skulptur und viele Korporierte mit Band und Kappe. Das restaurative Nachkriegs-Deutschland wird also als weitgehend unbelehrbare Gesellschaft augenfällig gemacht.
    opernnetz.de, Eckhard Britsch, 12.3.2012
  • Elfriede Jelinek (…) brachte neben dem satirischen Biss auch ihre Schubertkenntnisse mit ein, sodass ein literarisch anspruchsvolles Werk entstanden ist, in dem sich der Komponist keineswegs als biedermeierlicher Fremdkörper entpuppt, sondern als ein Meister der knappen musikalischen Form mit Chören, Ensembles und auch einigen dankbaren Solonummern. (…)
    Das Opernzelt (…) erwies sich als idealer Aufführungsort, da Auftritte durch die Zuschauerreihen die Aktualität des Geschehens verdeutlichten und dieser bissigen Gesellschaftssatire einen Hauch von Kabarett zukommen ließen. Regisseurin Andrea Schwalbach doppelt Hans und seine Ehefrau Lieschen durch einen Sänger und einen Schauspieler, sodass die Textpassagen auch mit der nötigen Brillanz dargeboten werden, dabei gelingen Dietmar Nieder prächtig die Mischung aus Arroganz und vorgetäuschter Reue und Christina Dom ein intensives Porträt einer keinesfalls unwissenden Mitläuferin. In den Gesangspartien glänzt der Heldentenor des Ensembles Winfrid Mikus (…) in der Gesangspartie des Dr. Schall, und Hye-Sung Na liefert dazu blitzsaubere Koloraturen als Lieschen. Eine veritable Entdeckung ist der mit einer jugendlich-frischen Baritonstimme gesegnete Franz Schlecht (…). (…)
    Der nur 90 Minuten dauernde kurzweilige Abend darf nicht nur wegen der zugespitzen Regie als gelungen bezeichnet werden, sondern bleibt auch aufgrund der Leistung von Chor und Orchester unter der Leitung von Dietger Holm in positiver Erinnerung. Vielleicht ist dem „Germanisten“ ja noch eine Karriere auf Deutschlands Opernbühnen beschieden.
    Das Opernglas, H. Walter, Mai 2012
  • Volle Punktzahl für Der tausendjährige Posten oder Der Germanist - in ihrer Rubrik Feierabend! Bühne hat die Financial Times Deutschland der Uraufführungsinszenierung fünf von fünf möglichen Punkten gegeben.

    Financial Times Deutschland, 13.3.2012
  • Rechts ein kapitaler röhrender Hirsch und die schwarz-rot-goldgelbe Fahne, links ein Kanapee im Separée. Sie rahmen das festlich geschmückte Auditorium Maximum einer näher nicht bestimmten deutschen Universität. Das Collegium musicum auf der kleinen Bühne im Hintergrund wird von Dietger Holm angeleitet. Schon gegen die Ouvertüre wird, wie beim klassischen Melodram, wortreich angeredet. Gnädig überdeckt das Forte des Tutti ein paar besonders schlimmste Sätze des Festredners.
    Das treue Lieschen wird doppelt aufgeboten – ausgestattet mit opernfähiger Stimme von der eher bieder wirkenden – Hye-Sung, daneben mit dem nötigen Maß an Naivität, Unerfülltheit und Penetranz hübsch dargestellt von Christina Dom (die arbeitet sich einmal durch die Menschenmenge mit dem treffsicheren Ruf: „Lasst uns durch. Wir sind die Frauen!“). Gedoppelt wurde auch seine Magnifizenz: Dietmar Nieder verleiht dem erfolgverwöhnten eitlen alten Professor die Züge eines virtuosen Hörsaalstars und Publikumsmagneten, Kammersänger Winfrid Minkus mit seinem Tenor die notwendigen Konturen des Singspielhelden. Michael Zahn und Franz Schlecht machen ihre Sache als Germanisten-Kollegen nicht minder gut. Die neue Story zur alten Musik hat treffsicheres Theaterpersonal gefunden. (…)
    Elfriede Jelinek, Wiener Literaturnobelpreisträgerin und Schubert-Groupie, hat die auf englisch neu erfundenen Dialoge übersetzt und scharfgeschliffen, Lied- und Couplet-Texte geändert. Die Damen machten aus einem Schreckens-, Rettungs- und Rührstück eine Oper von trügerischer Rettung und spätem Schrecken. (…)
    Erhöht wurde der Titel ums Zweihundertfünfzigfache von vier auf tausend Jahre – unter eindeutiger Anspielung auf die größte aller deutsch-österreichischen Zeiten. Der neue Plot ist unverhohlen eine deutsche Realsatire der jüngsten Vergangenheit. (…)
    Um das Projekt abendfüllend zu gestalten, wurde anderweitig entstandene Schubert-Musik herangezogen – aus dem mit Täuschung und Verwechslung operierenden Singspiel „Die Zwillingsbrüder“ von 1820. Obwohl die neue Textmontage auf Abgründe deutscher Geschichte und Seele verweist, passt Schuberts hier noch so biedere Musik als kontrastierender Rahmen und weicher Teppich dazu – und manchmal wie die Faust aufs Auge. Andrea Schwalbach möbelte das ambitionierte Frauen-Projekt insgesamt mit Verve und Ironie auf.

    nmz online, Frieder Reininghaus, 12.3.2012
  • Zu lachen gibt es nicht viel in diesem heiteren Singspiel. Denn das Lachen bleibt einem 90 Minuten lang im Hals stecken. Soll nicht heißen, dass „Der tausendjährige Posten oder Der Germanist“ (…) nicht trotzdem lustig ist. Aber der Humor von Irene Dische und Elfriede Jelinek ist gewöhnungsbedürftig, wie man sich denken kann, und diese beiden Autorinnen, die Erste dabei federführend, die Zweite nur übersetzend, haben Schuberts wenig bekannte Bühneneinakter mit neuen Sprechtexten versehen (wie das auch zu Schuberts Zeit in diesem Genre durchaus üblich war). Und diese Texte haben es in sich.
    Aber die gesprochenen Texte von Dische/Jelinek sind auf bitterböse Weise witzig und bissig bis zur Groteske. Wenn Prof. Hans Schall, wie SS-Schaal jetzt heißt, etwa beschließt, der Entdeckung zu entgehen, indem er sich nun als Jude ausgibt, der seiner Vernichtung nur entkommen konnte, indem er den SS-Mann spielte, um jetzt wieder als Jude leben zu können – also da hat man jede humoristische Schmerzgrenze schon weit hinter sich gelassen. Und verdammt: gerade diese Szene, als das Doppelgängerpaar Schall/Schaal sich entsprechend verkleidet und in die riesige Deutschlandfahne hüllt, ist eine der wirklich komischsten an diesem Abend!
    Die Regisseurin Andrea Schwalbach stellte sich ungehemmt der sarkastischen Satire und gab ihr noch einen Dreh am Ende, indem sie Schall nicht bestraft, sondern vom wissenschaftlichen Amt in ein politisches befördert. Das mag der Zeitgeschichte der letzten Wochen geschuldet sein. Die bemerkenswert stilechten 50er-Jahre-Kostüme von Anna Neuser geben dem Stück darüber hinaus den nötigen authentischen Rahmen.
    Die Besetzung mit Schauspielern und Sängern macht Sinn. Dietmar Nieder und Christina Dom als Schall/Schaal und Frau stehen dem singenden Paar Winfrid Mikus und Hye-Sung Na gegenüber und ergänzen sich prima. Eine Entdeckung dieser Produktion ist der Bariton Franz Schlecht als heimkehrender Kriegskamerad Spieß: Seine beiden Arien bilden den musikalischen Höhepunkt dieses von Dische/Jelinek konzipierten Stücks (…). Wilfried Staber als Journalist und das Chormitglied Michael Zahn als Professorenkollege Schulze runden das Ensemble agil ab.
    Das relativ groß besetzte Orchester, wieder einmal auf der Bühne des Opernzelts platziert, spielt unter der Leitung von Dietger Holm munter und klangvoll und auch gut mit den Solisten zusammen, die über Monitore dirigiert werden. Der Chor wurde von Jan Schweiger ebenfalls sauber vorbereitet.
    Rhein-Neckar-Zeitung, Matthias Roth, 12.3.2012
  • Das Theater Heidelberg wartet seit kurzem im Opernzelt – der Ausweichstätte während der Renovierungszeit – mit einer interessanten Neuheit auf. (…) Regisseurin Andrea Schwalbach bezog in ihrer gelungenen bitterbösen Satire für eine kurze Szene auch Teile von Schuberts „Unvollendeten“ ein. (…) Mit guten Stimmen konnten der Bariton Franz Schlecht als Prof. Dr. Spieß – wunderbar einfühlsam gesungen die Arie Liebe teure Mutter Erde – sowie die beiden Basssänger Michael Zahn als Prof. Dr. Schulze und Wilfried Staber als Journalist überzeugen. Der Chor des Theaters Heidelberg war stimmkräftig und hatte in der Schlussszene gemeinsam mit der Statisterie des Theaters seinen großen Auftritt (Chordirektion: Jan Schweiger).
    Schuberts Musik mit seinen oft warmen Tönen und zuweilen auch süßlichem Duktus entpuppte sich als reizvoller Gegensatz zur abgründigen Betrugsgeschichte mit nationalsozialistischem Hintergrund. Dem Philharmonischen Orchester Heidelberg gelang es unter der Leitung von Dietger Holm, diesen Gegensatz trefflich auszuloten. Köstlich jene Passage, als das Orchester in der ersten Szene mit wachsender Lautstärke die immer perfider werdende Rede von Prof. Schall vor den Studenten übertönt.
    Das Publikum (…) spendete allen Mitwirkenden reichlich Beifall (…).
    Der neue Merker, Udo Pacolt, 29.3.2012
  • Eine Uraufführung von Franz Schubert? Die hatten wir lange nicht – und eigentlich war es auch gar keine. Die beiden Singspiel-Einakter „Der vierjährige Posten“ und „Die Zwillingsbrüder“ wurden früher gar nicht so selten gespielt – und das würden sie vielleicht auch heute noch, wenn nur der kaum erträgliche biedermeierlich-harmlose Text nicht wäre. Daran stießen sich auch die Autorinnen Elfriede Jelinek und Irene Dische und machten aus den beiden Einaktern mithilfe eines völlig neuen Textbuches ein abendfüllendes Stück, das so wie jetzt in Heidelberg tatsächlich noch nie zu hören war. (…)
    Schuberts Musik kommt manchmal auch an ganz unerwarteter Stelle vor: wenn etwas das studentische Festaktpublikum die Mobiltelefone wieder einschaltet und zahllose unterschiedliche Klingeltöne auf Schumann verweisen. Oder wenn ein fünfstimmiges Ensemble die rauschende, kratzende Grammophon-Wiedergabe von Schuberts C-Dur-Quintett imitiert – da war man nahe am Musikkabarett. Auch Unterhaltungstheater war ein Thema an diesem zugegebenermaßen kurzweiligen Abend.
    Die Welt, Stephan Hoffmann, 23.3.2012
  • Also die Geschichte ist nicht nur gut, sondern auch (fast) wahr. (…) Irene Dische und Elfriede Jelinek haben dieses brisante Stück Theater geschrieben, das auf der Geschichte des realen Germanisten Hans-Ernst Schneider beruht, dessen Nazi-Vergangenheit 1995 durch Selbstanzeige ans Licht kam; und freilich blitzen auch all die anderen Fälle mit nationalsozialistischen Verwicklungen auf, von Walter Jens bis hin zu Günter Grass. Aber ja, ein Stoff für die Oper ist das allemal. (…) wir (…) sehen schnelles Theater mit Musikeinlagen, sehen, wie Bühnenbildnerin Anne Neuser Heidelbergs Alte Aula samt Wandgemälde zitiert, sehen einen röhrenden Hirschen, die Deutschlandfahne und allerlei Nachkriegsklischees und lachen herzlich über all das und dieses bitterernste Stück, das uns gute Unterhaltung bietet (was das Publikum am Ende auch mit reichlich Applaus belohnt). Sowohl Winfrid Mikus sängerisch wie auch Dietmar Nieder schauspielerisch stellen ihn (Schall/Schaal) gut dar. (…) Bariton Franz Schlecht, der Schalls Freund Prof. Dr. Walther brillant verkörpert. Luxuriös klingt sein Timbre, mit viel Kraft dahinter (…). Auch Hye-Sung Na lässt als Lieschen Schall schöne Mezzo-Töne aufleuchten, ihr Schauspielerinnen-Double Christina Dom allerdings vermacht der Frau erst den richtigen Sex-Appeal. Als Prof. Dr. Schulze und Anti-Nazi-Demonstrant sowie Journalist Urlich Viet machen Michael Zahn und Wilfried Staber ihre Ache überaus gut, Orchester und Chor unter Holm agieren wiederum weit mehr als souverän.
    Mannheimer Morgen, Stefan M. Dettlinger, 12.3.2012
  • Dische und Jelinek haben also zwei alte Opern-Leiber zu einem siamesischen Opern-Zwilling verbunden und diesem ein neues Skelett implantiert. Man konnte nicht erwarten, dass diese Operation völlig schmerzlos vonstatten geht. Es ächzt und knirscht schon in der Ouvertüre, die vom Heidelberger Orchester unter Dietger Holm sehr engagiert gespielt wird. Mitten hinein platzt eine Dankrede des mit dem Bundesverdienstkreuz geehrten Professors Hans Schall. (…) Glänzend besetzt ist der Bariton Franz Schlecht als Professorenkollege Spiess. Nach der Premiere großer Jubel im Opernzelt (…).
    Basler Zeitung, Sigfried Schibli, 12.3.2012
  • Herrlich sind die vielen kleinen Zitate aus Schuberts Oeuvre in flüchtiger A-Capella Manier. Das Heidelberger Orchester zeigt sich in launiger Frische unter der luftigen Stabführung Dietger Holms. Gesungen wird in der weitläufigen Akustik des Theaterzeltes rundweg gut. Stimmlich sehr versiert ist Hye-Sung Na als Lieschen, die von der prächtigen Schauspielerin Christina Dom gedoubelt wird. Winfrid Mikus als Prof. Schall hat einen mühelosen Tenor (...). Mit schimmernd-einnehmendem Timbre zeigt Franz Schlecht (Prof. Spiess) baritonale Vielseitigkeit, während Wilfried Staber als Journalist mit raumfüllender Bassgröße aufwarten kann. Michael Zahn bringt sich ensembledienlich als Prof. Schulze ein. Szenisch stark eingebunden mit vielen heiteren Details ist der Chor und Extrachor unter Leitung Jan Schweigers. Ein ambitionierter Versuch, Schauspiel und Oper zu verschmelzen, gelingt auf Grund der Stückvorlage nur teilweise. Die Aufführung zeigt aber die Leistungsfähigkeit des Heidelberger Theaters. Das (...) Auditorium dankt es mit herzlicher Zustimmung.
    Der neue Merker, Damian Kern, Mai 2012
  • Die extrem unterschiedlichen Ebenen diese Stücks eröffnen der Regie entsprechend unterschiedliche Möglichkeiten der Darstellung. Andrea Schwalbach hat sie allesamt genutzt, in ihrer Inszenierung gibt es Elemente aus Oper und Schauspiel, aus Revue und Kabarett, Klamauk kommt ebenso vor wie der seriöse Aufarbeitungs-Versuch eines bedrückenden Kapitels der Nachkriegs-Geschichte – dieses Stück ist so wenig wie seine Inszenierung mit den überkommenen Gattungsbezeichnungen zu beschreiben.
    Deutschlandfunk, Studiozeit, Stephan Hoffmann, 12.3.2012
  • In Heidelberg sitzt das Orchester vor dunkelgrün-schimmerndem Samt auf der Bühne und lässt unter der Leitung von Dietger Holm die Musik des jungen Schubert aufblühen, deren Doppelbödigkeit Elfriede Jelinek so gerne beschwört. (…) gespielt und gesungen wird hier ganz vorzüglich. (…)
    Den clownesken Schauspielpart übernehmen Dietmar Nieder und Christina Dom, den Sangespart füllen Winfrid Mikus und Hye-Sung Na ausnehmend kompetent. Schuberts Lieder und Arien setzen lyrische Akzente in einem ansonsten krass überzeichneten Spiel. Rechts röhrt ein lebensgroßer Hirsch vor einer Deutschlandfahne, links trinkt man in einer kleinbürgerlichen Mansarde aus Sammeltassen Kaffee, in der Mitten fläzt man auf der Hollywoodschaukel. (…) Leicht angestaubte Bilder einer vergangenen Epoche, deren Spießigkeit die Inszenierung genussvoll zelebriert (Bühne und Kostüme: Anne Neuser). Dische und Jelinek zeichnen das Bild eines akademischen Scharlatans, ein groteskes Aufschneider- und Aufsteiger-Spiel mit bitterem Unterton.
    Darmstädter Echo, Gerd Döring, 13.3.2012