Foto Klaus Fröhlich
Schauspiel

»Kunst«

Do 9.02.2012, 19.30 Uhr
  • Mit Werkeinführung 19.00 Uhr
  • von Yasmina Reza
  • aus dem Französischen von Eugen Helmlé

    im Anschluss Soirée Musicale

  • Beginn: 19.30 Uhr
  • Dauer: 1 Stunde und 40 Minuten, keine Pause
  • Theaterkino

Serge ist längst geschieden, die Beziehung von Yvan entpuppt sich noch vor der Hochzeit als Katastrophe, und Marcs Freundin Paula ist für ihn mehr Ärztin als Partnerin, immer mit dem neuesten Schrei aus der Homöopathie zur Stelle. Die Männerfreundschaft der drei hingegen hat bisher alles überstanden. Was könnte sie trüben? Serge kauft sich ein Bild des teuer gehandelten Antrios. Auf dem ist allerdings nicht viel zu sehen, erst wenn man im richtigen Winkel steht, erkennt man feine Nuancierungen im Weiß. Marc ist entsetzt über die »weiße Scheiße« und zweifelt am Verstand seines Freundes. Yvan versucht alles gelassen zu sehen, aber zeigt er dadurch nicht, wie sehr ihm Serge egal geworden ist? Yasmina Rezas Komödie kratzt in pointierten, komischen Dialogen nicht nur am Mythos der Männerfreundschaft, sondern führt mit scharfem Blick für das scheinbar Nebensächliche amüsant verschiedene Moden wie Psychologie und Dekonstruktivismus vor.

Im Anschluss an die Vorstellung präsentieren die Schauspieler in einer kurzen Soirée musicale im Foyer des Theaterkinos Lieder über Kunst und Freundschaft, begleitet von Johannes Mittl am Klavier, musikalische Leitung Nina Wurman.

Besetzung

Bilder

»KUNST«
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Pressestimmen

  • In diesen Tagen muss man einfach einen Knaller landen. Und wenn man, so wie Thomas Goritzki im Heidelberger Theaterkino, an Yasmina Rezas Dreipersonen-Stück „Kunst“ die richtige inszenatorische Lunte legt, sind einem die funkensprühenden Effekte geistvoller Dialoge sicher. (...)
    Aber das Wagnis hat sich nicht nur für (...) Regisseur Thomas Goritzki gelohnt, sondern auch für die drei Vollblutschauspieler Stefan Reck, Olaf Weißenberg und Steffen Gangloff. In den Rollen der drei Männerfreunde Serge, Marc und Yvan zeigen sie, wie schön die moderne Kunst – hier in Form eines „schweineteuren“, absolut weißen Bildes mit feinen weißen Streifen – polarisieren kann. (...)
    Serge ist seit längerem geschieden (und nun nur noch mit der Kunst verheiratet); Marc blickt sauertöpfisch, wenn er auf seine bessere Hälfte angesprochen wird; und Yvan ist das reinste Nervenbündel, wenn er an seine kurz bevorstehende Ehe denkt. Sie wird nicht gut gehen, das erkennt man rasch. Spätestens dann, wenn Steffen Gangloff in einer Bravournummer von seinen so stressigen wie aufreibenden Telefonaten mit den total verfeindeten Müttern, Stiefmüttern und dem schon jetzt zickigen Ehegespons in spe erzählt. Gangloff kassiert dafür verdientermaßen Szenenapplaus.
    Stefan Reck verkörpert als Serge den kulturbeflissenen Bonvivant. Er beherrscht die Kunst der Vernissagen-Geschwätzigkeit, gibt sich mit seinem locker über die Schultern geworfenen Schal das gewisse Etwas, strahlt aber auch einen wunderbaren Besitzerstolz aus.
    Olaf Weißenberg hat als Marc den Part des bodenständigen Kumpels, der ob der Kunst-Eskapaden seines Freundes in die Ecke des Banausen mit einer Vorliebe für röhrende Hirsche gedrängt wird. Weißenberg verdeutlicht das mit seiner bockigverdutzten Ausstrahlung perfekt. Der röhrende Hirsch, der ihm von der Ausstatterin Erika Landertinger übers Sofa gehängt wurde, wäre angesichts seiner darstellerischen Kraft gar nicht nötig gewesen.
    Schön auch, wie beim Streit über die Moderne die seit Jahren geführte Debatte über die Dekonstruktion abgewatscht wird. Herb für so manchen Theoretiker, aber eine Genugtuung für all jene, die nicht so gerne in die sauerstoffarmen Sphären strukturalistischer Karstlandschaften emporklettern mögen. Doch das nur am Rande.
    Fest steht nach dieser Inszenierung eins: Der Marktwert von „Kunst“ (auch der etlicher anderer Kunstwerke) steigt weiter. Die Börsianer, die sich zuletzt noch an Dax- und Dow-Titel gehalten haben, sind schon ganz neidisch. Vielleicht lohnt sich für sie ja die Anschaffung eines monochromen Gemäldes mehr als die Aktien-Spekulation. Doch Vorsicht: Einen blauen Yves Klein kann sich kaum noch einer leisten. Den weißen Antrios kann man dagegen schon zum Preis einer Theaterkarte bestaunen.
    Rhein-Neckar-Zeitung, Volker Oesterreich, 2.1.2012
  • Goritzki, Bühnen- und Kostümbildnerin Erika Landertinger, die für den Dreiakter nichts als ein dreisitziges rotes Sofa, ein paar Flaschen, Gläser und ein Gestell für das „Jahrhundertwerk“ benötigte und das glänzende Darsteller-Trio ernteten nach der Premiere stürmischen Beifall, der kaum enden wollte!
    Kein Wunder: Die drei Vollblutschauspieler erweisen sich als glänzende Komödianten, die deren wechselnde Gemütsbewegungen wie Hochstimmung und Depression, Aggression und Ratlosigkeit, Furiosität und physische Ermattung perfekt zum Ausdruck bringen und nicht eine Minute an Intensität nachlassen. (…)
    Wer drei solche Komödianten zur Verfügung hat, die nicht nur in scharfen Redeuellen, sondern auch mal handgreiflich auf einander losgehen, um danach, wenn (fast) alles gesagt ist, erschöpft aufs rote Sofa zu sinken und theatralischen Burgfrieden zu schließen, dem braucht um den Erfolg des Abends nicht bang zu sein! Nichts wie hin!
    Rhein-Main-Taunus-Magazin, Britta Steiner-Rinneberg, 31.1.2012
  • Drei Männer streiten über Kunst. Natürlich zum Totlachen. Ihr Kampfplatz ist ein rotes Ledersofa, das Erika Landertinger (Bühne und Kostüme) mit wenigen Stahlrohrstühlen und einem kleinen runden Glastisch nüchtern ergänzt hat. Hier wird die Frage nach dem, was Kunst sei, furchtlos gestellt und ebenso unerschrocken nicht beantwortet. Es gibt nur heftige Dispute, die folgenreich zu einer Ausweitung der weißen Kampfzone führen. (...) Während Serge (Stefan Reck), ein schlanker, beweglicher, gut gekleideter Brillenträger, beglückt auf das weiße Weiß starrt, einfühlsam und kompetent die Gründe für seinen kühnen Kauf verteidigt, bezeichnet Marc (Olaf Weißenberg) das Bild schlicht und einfach als "weiße Sch...".
    Das hält natürlich keine Freundschaft aus. Serge ist schwer gekränkt und Marc, dieser gewichtige Choleriker, steigert sich allmählich in eine etwas dampfende kunstfeindliche Leidenschaft, die uns Zuschauer um den Zustand seines Herzens bangen lässt. Obwohl Yvan (Steffen Gangloff) inmitten all dieser verletzenden Gemeinheiten köstlich von den konfliktreichen Vorbereitungen zu seiner Hochzeit erzählt und so eine mit Szenenbeifall bedachte darstellerische Glanznummer abliefert, droht Rezas vitale Komödie, deren geistreiche und amüsante Dialoge Thomas Goritzki bislang angenehm leicht über die Runden brachte, plötzlich im Nebelmeer eines dick aufgetragenen Seelendramas zu versinken.
    Doch bravourös schafft der Regisseur die Wende und lässt uns geschickt in die tiefsten Tiefen eines männlichen Wesens blicken, das hinter rauer Schale, wie zu erwarten, ein weiches Gemüt sein Eigen nennt. Nur heiliger Zorn aus verloren geglaubter Freundesliebe habe Marc zu der schmähenden Raserei verlockt, erfahren wir gerührt. So viel Einsicht wird belohnt. Mit einem Filzstift darf er den weißen Altar reiner Unschuld besudeln. Er zeichnet einen lustigen Skifahrer auf die Fläche des Bildes und wird es später, unterstützt von den Freunden, sorgfältig wieder reinigen.
    Das Paradies ist gerettet und damit auch das Glück einer wahren Männerfreundschaft, die sich sogar in der fröhlich erschütternden Erkenntnis bewährt, dass die alles verzehrende, brennende Liebe zur Kunst manchmal auch eine missratene Romanze sein kann.

    Mannheimer Morgen, Alfred Huber, 2.1.2012
  • Ein kleines Vermögen für einen großen Namen. „Ein Antrios“ ist es für Serge, ein Nichts für Marc. Und ein persönlicher Affront: Der Serge, den er stets schätzte, hätte sein Geld nicht so elitär rausgeworfen. Nun spuckt Marc Hohn und erwartet von Serge Selbstironie. Derart unversöhnlich prallen die beiden aufeinander, während ihr gemeinsamer Freund Yvan, der doch bloß beschwichtigen und versöhnen will, zwischen ihnen zerrieben wird.
    Das ist von Yasmina Reza wirkungsvoll angelegt und von Thomas Goritzki rund um ein rotes Ledersofa präzise umgesetzt. Fast zwei Stunden dauert die Aufführung. Man kann „Kunst“ gewiss knapper spielen, aber so konzentriert, wie das Heidelberger Trio zu Werke geht, so wohldosiert hier Klamauk die Wortklauberei auflockert, braucht es keine Eile. Diesen Schauspielern hört man gerne zu, wie sie ihre Dialoge ineinander verkeilen, bis es wehtut.
    Stefan Reck spielt den Kunstfreund als Asketen mit weißen Stoffhandschuhen. Serge ist der Provokateur, der nicht viel sagen muss, um seinen Freund zu empören. Es braucht aber auch nicht viel, um Marc überschäumen zu lassen. Olaf Weißenberg verkörpert ihn als bacchantischen Choleriker, der Geschmack daran findet, sich mal grob, mal spitzfindig in einen Menschenfeind zu verwandeln. Als Pathetiker der enttäuschten Freundschaft ist Weißenberg in Heidelberg der Spielmacher (…). Diesen Papierhändler (Yvan), der die Nichte seines Chefs heiraten soll, zeigt Steffen Gangloff als tief verunsicherten Melodramatiker. Dass er gute Freunde braucht, ist keine Frage. Bei Serge und Marc kann man da nicht ganz so sicher sein. Nur eins scheint gewiss: Wenn diese drei alten Weggefährten sich heute zum ersten Mal treffen würden, wüssten sie wohl nicht, was sie miteinander anfangen sollen. Yasmina Reza versöhnt sie dennoch. In der netten Geste steckt eine traurige Pointe, die sich in Heidelberg wie ein Schatten vor weißer Leinwand abzeichnet.
    Darmstädter Echo, Stefan Benz, 3.1.2012