Furcht und Hoffnung in Deutschland
- Mit Werkeinführung 19.00 Uhr
- von Franz Xaver Kroetz
- Beginn: 19.30 Uhr
- Dauer: 2 Stunden und 40 Minuten, eine Pause
Theaterkino
»Notiz. Als ich das Stück schrieb, hieß es: Furcht und Hoffnung der BRD. Die Zeit war noch nicht reif, dieses an sich schon als verfassungsfeindlich angesehene Kürzel durch das stattliche Deutschland zu ersetzen. Die Zeit ist reif; ich danke der Wiedervereinigung, dem Herrn Dr. Kohl, den vielen andern. Endlich macht das große Thema des Stücks nicht mehr vor den widernatürlichen innerdeutschen Grenzen halt: Die Arbeitslosigkeit hat fast alle erreicht. Und mein Stück endlich den schönen, runden Titel. Danke vielmals!«
F. X. Kroetz, 30. Juni 1997
Kroetz’ Stück, das in seinem Titel auf Bertolt Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches Bezug nimmt, wurde 1984 uraufgeführt. Die Gesellschaft hat sich seither rasant gewandelt – nicht nur durch die Wiedervereinigung. Nicht verändert hat sich die Verbindung von gesellschaftlichem Ansehen und Erwerbsarbeit. Von denen, die darunter leiden, mit der Arbeit auch ihr gesellschaftliches Ansehen und ihre Teilhabe zu verlieren, erzählt Kroetz’ Stück.
Mit Furcht und Hoffnung in Deutschland war das Heidelberger Schauspiel am 10. März 2012 zu Gast am Theater an der Ruhr in Mülheim.
Besetzung
- Regie Cornelia Crombholz
- Bühne Marcel Keller
- Kostüme Marion Hauer
- Musik Johannes Bartmes
- Dramaturgie Jürgen Popig
- Mit Katharina Quast | Christina Rubruck | Anne Schäfer | Clemens Dönicke | Hans Fleischmann | Dominik Lindhorst | Andreas Seifert
Pressestimmen
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Die Rheinpfalz, Jürgen Berger, 19.12.2011
Cornelia Crombholz geht nun einen völlig anderen Weg und platziert die Kunstszenerie depressiver Arbeitsloser auf einer absurden zum Slapstick neigenden Bühne, auf der sie Teile des Personals vervielfältigt und wie einen Lemurenchor geistern lässt.
Man denkt unwillkürlich an Andreas Kriegenburgs gelungene Inszenierungen wie seine Münchener Kafka-Umrundung „Der Prozess“, wenn da ein antriebsloser Trauerklotz (Hans Fleischmann) am Tisch sitzt und seine toughe Frau (Anne Schäfer) zutextet. Er grummelt, sie macht sich schick für den Job. Da sind aber auch diese grauen Büromännchen und –frauchen, die plötzlich aus der Dusche kommen, in einer Tür verschwinden und am Ende in Reih und Glied der zielstrebigen Lady in Richtung Arbeitsplatz folgen. Das ist alles passgenau in einem an die serielle Bauhaus-Ästhetik erinnernden Wohnraum inszeniert, den Marcel Keller (Bühne) bauen ließ und in dem Katharina Quast furios bestechend den Monolog einer grundständig einsamen Frau spricht, die weiterhin brav die Pille nimmt: Man kann ja nie wissen.
Widmet Andreas Seifert sich dann der aufblasbaren Puppe, geistert der Heidelberger Lemurenchor als Engel durchs Bild. Wieder eine Szene weiter wird es so verrückt komisch, dass man sich fragt, warum dieser Kroetz nicht schon früher auf irgendeiner Bühne zu sehen war. Da ist Anne Schäfer eine scharfe Deutschfrau, die einen Gastarbeiter abgeschleppt hat. Beide wollen nur das Eine, sie aber quasselt den „Nix versteh“-Türken des Dominik Lindhorst derart zu, dass der verstört das Weite sucht.
(…) Mit diesem Reigen rund um die Komik der Verzweiflung in arbeitslosen Zeiten zeigt das neue Schauspiel nicht nur, was für eine gutes Ensemble in Heidelberg zusammen gefunden hat. Cornelia Crombholz hat sich ihren Kroetz auch so hingebogen, dass er ganz prima in unsere Zeit passt. -
Rhein-Neckar-Zeitung, Heribert Vogt, 19.12.2011
Das Drama war zunächst auf die frühere Bundesrepublik gemünzt gewesen und hatte dann nach der Vereinigung Deutschlands nicht zuletzt durch die hohe Arbeitslosigkeit im Osten keineswegs an anklagender Wucht verloren. Und selbst wenn die Erwerbslosigkeit derzeit im Südwesten recht gering ist, so bedeutet sie für die Betroffenen doch immer noch einen schweren Schlag. Und vor allem: Wer kann sich in diesen rasenden Zeiten überhaupt noch wirklich sicher fühlen?
Zumindest diese Nachdenklichkeit ruft der Theaterabend mit seinen grellen Schlaglichtern auf die Qualen arbeitsloser Menschen wach. Damit steht die Kroetz-Inszenierung in einer schon langen Tradition des Heidelberger Theaters, gemäß der kurz vor dem alles andere überdeckenden Weihnachtsfest noch einmal ein ernüchternder Kontrapunkt gesetzt wird. Der Gegensatz von diffuser Gefühlsduselei und bitterer Realität ist auch in Cornelia Crombholz’ Inszenierung manifest, wenn sich engelgleiche Geschöpfe mit Flügeln auf dem Rücken (Kostüme: Marion Hauer) oder Heimat und Volkslieder (Musik: Johannes Bartmes) in den hart montierten Passionsreigen mischen.
Überhaupt ist der Abend recht weit entfernt von purer Sozialkritik, die hier durch – zumeist bedrängende – Gefühls- und Traumwelten transportiert wird, wenn etwa die grauen Herren mit ihren Uhren und Aktentaschen den Arbeitslosen die Zeit sinnvollen Lebens stehlen. Und dann rücken die glänzenden Darsteller, unter denen Hans Fleischmann herausragt, den Menschen auch noch – oder gerade – angesichts der Armut in seinem einzigartigen Reichtum dar. Trotz Beklommenheit: begeisterter Applaus. -
Kroetz wollte "die vielen kleinen Schattenseiten" seines Landes aufzeigen, und diese lassen sich gewiss bis heute finden. In Personen wie dem wild gewordenen Modellbauer, in dem vielleicht ein Terrorist schlummert, der auch Kontakt zum NSU pflegt. Dominik Lindhorsts Darstellung, der ihn im Theaterkino spielt, traut man das zu. Und später, in der Szene "Frontwechsel", gibt er das Wehrsportgruppen-Mitglied in der Lederhose, einen jungen Mann fürs eher Unartikulierte. In der Inszenierung von Cornelia Crombholz kommen diese Übersteigerungen ins Groteske gut heraus, Kroetz' Arbeiter- und Angestellten-Höllen lodern in den grellsten Farben auf.Mannheimer Morgen, Hans-Günter Fischer, 19.12.2011
Obwohl die Bühne Marcel Kellers überwiegend grau ist: Graue Wände, graue Türen, graue Nischen passen gut zu jenen grauen Männern mit Melonen, die man wohl als Abordnung der grauen Arbeitswelt verstehen muss. Kroetz' düster-larmoyanter Bilderreigen steckt jedoch auch voller religiöser Anspielungen, manchmal fast in der Manier des großen Bajuwaren Herbert Achternbusch, und in der Szene "Osterlamm" sagt "Er" (Andreas Seifert): "Gerne würde ich mich opfern, doch mich kreuzigt keiner."
Trotzdem drängt es diese arbeitslosen Männer immer wieder hin zum Freitod, auch den Gernegroß und Audi-80-Fahrer Willi (den Hans Fleischmann darstellt). "Tust aber noch vorher frühstücken", sagt seine Gattin (Anne Schäfer). Frauen sind in diesem Kroetz-Stück meist die abgebrühteren, fast zynischen Geschöpfe, unerwartet trocken-coole Pointen haben sie in ihrem Text. Sie haben sich ansonsten allerdings in ihrem Unglück klaglos eingerichtet. Freilich zeigt der Autor auch in ihnen keine tiefenscharfen Charaktere, sondern bloße Typen. Psychologisierungen helfen hier nicht. Das macht die Sache für die halbbayrisch parlierenden Akteure aber eher anspruchsvoller, und das neue Heidelberger Schauspielerensemble hält sich unterm Strich sehr ordentlich. Zum Beispiel Katharina Quast als Frau von Anfang 30, die von Einsamkeit und Krebsangst angenagt ist.
Raum für Hoffnung gibt es in dem Stück, in dem die Furcht bis in die traurig-aberwitzigen Verästelungen nachgezeichnet wird, nur selten. Doch "Verschnaufpause", die letzte Szene, bietet eine kleine Traumvision vom Weiterleben. Stressfreie Verschnaufpausen markiert auch die Musik Johannes Bartmes' an Harmonium und Akkordeon, aufgepeppt mit deutschen Schlagern (wie "Hier ist ein Mensch" von Peter Alexander) und mit "Jingle Bells", frisch von der Weihnachtsfeier im Seniorenstift. Die Lage ist also durchaus so ernst wie 1983. -
(…) im Heidelberger Theaterkino inszeniert Cornelia Crombholz sehr konzentrierte Szenen, die zwischen Satire und abgründiger Beziehungsstudie Sprengkraft entfalten. Da sieht man Hans Fleischmann als Willi, der beim Frühstück einem langen Tag entgegensieht, während die Untätigkeit ihn von seiner Frau entfremdet hat, die noch das Glück hat, aus dieser Ehehölle morgens in den Kaufhof fliehen zu können, was Anne Schäfer mit einer spitzen Hilflosigkeit auf die Bühne bringt. Später wird Fleischmann einen Einsamen spielen, der seinen sexuellen Fantasien nur im Gespräch mit dem Putzmopp Luft verschaffen kann und der sich selbst zum Rollbraten macht, mit Senf und Öl und getrockneten Kräutern. Und weil er nicht in den Ofen passt, setzt er sich halt auf die Herdplatte, bis der Hintern schwarz ist.Darmstädter Echo, Johannes Breckner, 2.1.2012
Da richtet sich die Gewalt dieser Gequälten noch gegen sich selbst, aber in Kroetzens Studien, die sich in Heidelberg auf fast drei Stunden summieren, wird die gewaltige Explosivkraft der Armut erkennbar. Crombholz gelingt es, der satirischen Schärfe und auch dem Mitgefühl angemessen Raum zu geben, sie findet starke szenische Formulierungen für die Armut und die viel größere innere Armseligkeit, und sie lässt die Menschen am Rande nicht allein.
Geisterhafte Erscheinungen streifen durch das Gehäuse, das Marcel Keller mit vielen Nischen und Türen auf die Bühne gebaut hat. Mal sind es graue Gestalten der Arbeitswelt, die mit großen Weckern ans Verrinnen der Zeit gemahnen, mal sind es Engel, die den Unglücklichen auch nicht mehr helfen können. Ein starkes Ensemble verschafft diesen stummen Schreien nach einem Lebenssinn Gestalt. Ob es Katharina Quast ist in dem Monolog einer Frau, die sich erst die Einsamkeit kleinredet und dann die Angst vor dem Knoten in der Brust, ob es Christina Rubruck und Andreas Seifert sind als altes Paar, das einen heimlichen Aufstand plant, ob Anne Schäfer im Schlafzimmer auf hohem Erregungspegel auf einen türkischen Gast einredet, bis die Lust vergeht, ob Hans Fleischmann in heilloser Verzweiflung erst den Weihnachtsbaum ohrfeigt, bevor sich die Gewalt gegen das eigene Dasein richtet: Hier gelingen Studien der inneren Verlorenheit, die den Kroetz-Text erstaunlich unverbraucht ausschauen lassen.














