Epic 3.0
- Uraufführung
- von Hubert Schipkowski
- Beginn: 19.30 Uhr
- Dauer: 1 Stunde und 40 Minuten
Zwinger 1
Hagen, Thees und Falk, alte Freunde aus Schulzeiten, teilen sich in Berlin einen „Co-Working-Space"“, wie die Digitale Bohème ihre urbanen Freiberufler-Bürogemeinschaften nennt. Während Hagen auf seiner politischen Internetplattform „zukunftspolitik.org“ Kampagnen für inhaftierte Dissidenten von Peking bis Moskau ins Leben ruft und sich „für internationale Menschenrechte, nationale Bürgerrechte und die Freiheit im Internet“ engagiert, gründen Falk und Thees das Soziale Netzwerk JLP - „Jonte, Linus und Pelle - die Freunde die du nie hattest“.
Der Slogan ist einer von Falks zahllosen Marketing-Ideen, mit dem er die Zielgruppe der grünen Mittelschicht erobern will, wohingegen der zurückgezogene Thees den zugrundeliegenden Algorithmus entwickelt hat: Eine Funktion, „die die Leute im Internet erkennt“ und die für jeden den „perfekten Freundeskreis“ berechnet.
Dieser Algorithmus scheint den „Megametaüberinvestor“ Gabor, Vertreter des "weltgrößten Technologiekonzerns" mit hypnotischen Fähigkeiten, sehr zu interessieren. Unter der Bedingung, dass der politische Aktivist Hagen als „Intellektueller der einen Blick für das Ganze hat“ das strategische Management übernimmt, steigt er im großen Stil bei den Jungs ein.
Und Anna, Hagens Freundin? In ihrer prekären Situation als Call-Center-Inbound-Agentin sehnt sie sich nach Nähe und steht bei all dem Betrieb nur am Rand, und doch in gewisser Weise von Anfang an im Zentrum eines Geschehens, das sich um vereinzelte Menschen in einer vernetzten Welt dreht.
In schnellen Szenen entwickelt Hubert Schipkowski eine spannende Geschichte, in der sich eine posthumanistische Zukunft abzeichnet, in der sich alles Trennende auflöst; weil ein neuartiges, informationstechnologisches Regime mit Hilfe der Digitalisierung der Welt damit begonnen hat, in jedem Einzelnen von uns zu lesen und das Individuum bis in jede Einzelheit zu erfassen, bis sich dieses auf gespenstische Art und Weise in Luft auflöst, als hätte es nie existiert, und aufgeht im weißen Rauschen der Gruppenbenutzermodelle.
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Besetzung
- Regie Jens Poth
- Bühne und Kostüme Simone Wildt
- Musik Wendelin Hejny
- Dramaturgie Petra Thöring
- Hagen Volker Muthmann
- Gabor Michael Kamp
- Anna Karolina Horster
- Thees Florian Mania
- Falk Benedikt Crisand
Pressestimmen
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Insgesamt gelang mit dieser Uraufführung ein sehr zeitgeistiger Theaterabend mit ironischen Untertönen, der viele Fragen zu unserer informationstechnologischen Zukunft aufwarf. Dazu trugen neben den überzeugenden Schauspielerleistungen und der Musik von Wendelin Hejny vor allem die zum Teil betörenden Bildlösungen bei: Mit kühler Eleganz – aber auch krasser Überzeichnung – warfen sie in der flüchtigen Szenenfolge bezeichnende Schlaglichter auf die Verlassenheit und Einsamkeit der Menschen vor ihren Computern. Starker Applaus.Rhein-Neckar-Zeitung, Heribert Vogt, 12.12.2011
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Bei aller Komplexität schafft es das Stück einen roten Faden zu behalten, an dem wesentlich die einzige Frau, Anna, beteiligt ist. Sie ist die Freundin des intellektuellen Außenseiters Hagen, dann Assistentin des neuen Bosses und hat auch noch eine kurze Affäre mit dem Möchte-Gern-Macher Falk. Letztlich ist das Stück also ein Beziehungsdrama. An diesem Strang zeigt die Heidelberger Inszenierung auch ein intensives Interesse – zum Wohle der Aufführung. Annas (Karoline Horster) und Hagens (Volker Muthmann) Liebe und Entfremdung, die Unsicherheiten der Newcomer (Florian Mania als weltfremder Programmierer und Benedikt Crisand als zunehmend verwirrter Jungunternehmer) sowie das groteske Gehabe des geschwätzigen und brutalen Gabor (Michael Kamp) sind wunderbar intensiv gespielt. Gabor ist in frack-ähnlicher Jacke von Adidas eine unfassbare Mischung aus Boxtrainer und Sektenführer. Der kritische Geist Hagen wird zunehmend zum diktatorischen Geist, der den gottgleichen Gabor lange fasziniert. All das funktioniert weitgehend ohne digitale Bühnentechnik. Nur am Anfang und am Ende sind über Simone Wildts karge Bühne (die aus fünf kleinen Plattformen mit jeweils einem kleinen Tischchen besteht) Gitternetzlinien projiziert. Und am Ende hantieren Gabor und Hagen zu Demonstrationszwecken in diesen luftigen Linien mit Touch-Pad-Bewegungen und Geräuschen.Die deutsche Bühne, Detlev Baur, Februar 2012
Im Zentrum von “Epic 3.0” stehen aber ganz normale, komplizierte und düstere menschliche Entwicklungen. Insofern ist dieses Internet-Drama nicht ganz komplett. Der Text behauptet die soziale Realität virtueller Welten mehr, als dass er sie in die Lebenswelt der Figuren integrierte. Soziale Kälte als Ergebnis gibt’s auch in traditionellen Firmen. Und doch deutet Poths technisch zurückhaltende Inszenierung durch die enorme Intensität und Dynamik der Darsteller an, dass die sozialen Welten in Bewegung sind. -
Stefan Benz, Darmstädter Echo, 12.12.2011
Weit weg von der Realität ist diese Vision nicht: Programmierer Thees hat einen Algorithmus geschaffen, der die Menschen im Netz derart analysiert, bis ihr Ego aus digitalen Daten nachgeformt ist. Und siehe da: Es gibt gar keine Individuen, es gibt nur Typen. Diese Erkenntnis ist auch Hubert Schipkowskis Stück „Epic 3.0“ eingeschrieben, und Regisseur Jens Poth versucht bei der Uraufführung auf der Heidelberger Zwinger-Bühne denn auch gar nicht erst, das Personal psychologisch zu packen. Florian Mania spielt Tüftler Thees als verklemmten Nerd. Kumpel Falk ist der hibbelige Macher, der das Kokain im Rucksack heranschleppt – für Benedikt Crisand Anlass, den Kreativen aus der digitalen Boheme als Comedyfigur vorzuführen. Volker Muthmann ist der politische Idealist Hagen, der als Erster ans große Geld denkt, Karolina Horster verkörpert Freundin Anna, die Kulturwissenschaft studiert hat, aber keinen Job findet. Als Zampano im Trainingsanzug bringt der ölige Gabor (Michael Kamp) die jungen Leute auf eine orwellianische Geschäftsidee (…).
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Hubert Schipkowski (…) entwirft mit seinem Stück "EPIC 3.0" ein Panorama jener Welten, in denen die Schnittstellen zwischen Realität und Virtualität ausgetestet werden. Seine These, die er mit einem dynamischen Schauspiel vermittelt: Schnittstellen wurden längst Schnittmengen. Computerprogramme beeinflussen das Sein zunehmend unentscheidbar, denn sie verselbstständigen sich schleichend, aber unaufhaltsam. Nicht die Revolution frisst ihre Kinder, sondern Programmierer wissen nicht, was sie tun. (…) Zwischen Satire und bösem, sezierendem Blick inszeniert Jens Poth das Stück, dem Simone Wildt Bühne und Kostüme als wertfreien Spielraum zuordnet. (…) "EPIC 3.0" ist deshalb gut, weil Schipkowski beklemmende Aussichten entwirft. Zukunftsmusik? Nein, wir sind schon mitten drin, nur wollen wir es nicht bemerken.Mannheimer Morgen, Eckhard Britsch, 13.12.2011
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Für SWR2 berichtete Annette Lennartz von der Uraufführungspremiere im Zwinger1. Ihren Beitrag können Sie als mp3 anhören.














