Foto Klaus Fröhlich
Schauspiel

Der Balkon

Fr 3.02.2012, 19.30 Uhr
  • Mit Werkeinführung 19.00 Uhr
  • Schauspiel von Jean Genet
  • Aus dem Französischen von Georg Schulte-Frohlinde
  • Beginn: 19.30 Uhr
  • Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten
  • Theaterkino
Der Balkon ist ein Bordell mit besonderem Service. Salonchefin Madame Irma verspricht den Kunden einen Ausflug in ihre Traumwelt und stellt jedem Besucher nicht nur die passende Szenerie, sondern auch das entsprechende Kostüm zur Verfügung. Im »Balkon« entsteht so eine bizarre Scheinwelt, in der sich kleine Leute als Bischof, Richter oder General verkleiden und die perversen Rituale der Macht nachspielen. Die scheinbare Idylle wird gestört, als die auf der Straße tobende Revolution nicht mehr zu überhören ist. Der Polizeichef, der den Salon der Madame Irma patronisiert, soll den Aufstand beenden. Er kommt auf einen eigentümlichen Gedanken, die Ordnung wiederherzustellen: Nachdem die Revolutionäre die Königin und die Würdenträger des Staates umgebracht haben, stellt er der revoltierenden Menge zum Schein eine neue Regierung vor. Als Doubles für die getöteten Machthaber erscheinen auf dem Balkon die verkleideten Bordellbesucher. Die Traumwelt wird zur gelebten Wirklichkeit.
Der französische Autor Jean Genet, geboren 1910 in Paris, hat ein abenteuerliches Leben und nicht weniger als fünfzehn Vorstrafen hinter sich. Seine Gedichte, Dramen und Romane provozieren und polarisieren noch heute. 2011 jährte sich sein Todestag zum 25. Mal.

Besetzung

Bilder

Der Balkon
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Pressestimmen

  • (…) In ihrer Bildlichkeit (Bühne und Kostüme: Patricia Talacko) erinnert die Inszenierung an die grotesk überzeichneten Gesellschaftsdarstellungen des Malers Otto Dix. Auch im Theaterkino ist die Welt aus den Fugen geraten, verwischen die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit. (…) eine schillernde Scheinwelt mit Scheinriesen: Kleine Leute ahmen die Stützen der bestehenden Ordnung nach, mutieren zum Bischof, Richter, General, um auch einmal deren Machtspiele durchzuexerzieren und wenigstens so in der Geschichte in Erscheinung zu treten.

    (…) Alle so engagiert wie energisch agierenden Darsteller zeichnen ein schrilles Panoptikum, das durch seine überbordende Exzentrität automatisch die Frage nach der Grenze zur Legalität aufwirft: hat das Rollenspiel der Bordellbesucher nicht auch einen Sinn – wie dies heute ähnlich im Karneval der Fall ist? Und leben nicht auch die Repräsentanten der realen Gesellschaft zu einem Gutteil von (Selbst-)Inszenierungen?

    (…) Und doch berührt der sinnenpralle, sexuell aufgeladene und vor Vitalität berstende Heidelberger „Balkon“ (Musik: Smoking Joe) mit seinem babylonischen Menschengebrüll nicht nur, sondern er packt und erschüttert das Publikum. Weil er die Mauern zwischen Sein und Schein mit solcher Konsequenz einreißt, dass die Zuschauer am Ende kaum noch imstande sind, Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden: haben sie soeben auf der Bühne die demaskierte Lebenswirklichkeit erlebt, und draußen wartet nun das alltägliche Theater? Was an diesem rauschhaften Theaterabend auf jeden Fall gelingt, ist das Aufbrechen einer vordergründigen Realität nach dem Motto: Wir machen den Weg frei in alternative Sphären – die letztlich auch unsere scheinbar so fest gefügte Daseinswelt beeinflussen können. Nach dem Bühnen-Bombardement zwischen Begeisterung und Betroffenheit: starker Beifall.

    Rhein-Neckar-Zeitung, Heribert Vogt, 22./23.10.2011
  • (…) der Popanz, der grelle Vordergrund bleibt immer Spiel. Dahinter lassen die Heidelberger eine wunderliche eigene Zartheit sehen. Das machen die Schauspieler, die auch im Possenhaften Menschen zeigen, die sich in Schwung bringen müssen, um tüchtig hysterisch zu werden. Nicole Averkamp als Madame Irma stürzt zwar energisch aus dem Publikum auf die Bühne, ist aber eine eher wackere als stets überlegene Geschäftsfrau. (…) Unter den Kunden fällt Olaf Weißenberg auf, der "General", der ins irgendwie Visionäre strebt. Clemens Dönicke als Polizeipräsident ist ein biederer Karrierist mit besonders sinnlosen Träumen. Sein irres Glück überstrahlt den Schluss, weil Dönicke regelrecht selig wird. Es liegt eine merkwürdige Freundlichkeit über dem Abend. Sie ist aber nicht harmlos, sondern bringt die Ambivalenz des Stückes tatsächlich ins Spiel. Im Übrigen entlässt Claudia Bauer ihr Publikum nicht in die Bequemlichkeit, Genet nicht lesen zu müssen.
    Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 24.10.2011
  • Die Rolle ist nicht leicht. Aber Nicole Avercamp spielt ihre Madame Irma mit einer so lässigen Selbstverständlichkeit, dass diese melancholisch grundierte Figur das Interesse an diesem Theaterabend über fast zwei Stunden wachhält. (…)

    Madame Irma ist eine Meisterin der Illusion. In ihrem Bordell darf der Mensch stundenweise sein unterdrücktes Wesen überwinden, gegen Gebühr, versteht sich. Olaf Weißenburg schlüpft ins Fantasiekostüm des Generals und setzt keuchend einem zweibeinigen Pferd zu, Hans Fleischmann ist ein Bischof, der sich an sündigen Beichten ergötzt, Andreas Seifert liebt unter der Richter-Perücke das Spiel mit auftrumpfenden Diebinnen. Bei Madame Irma finden diese Herren "ernste Zeremonien an einem seriösen Ort". (…)

    Patricia Talacko hat die von Spiegeln dominierte Bühne als mächtigen Abenteuerspielplatz ausgestattet, die Schauspieler exerzieren ihre Travestie-Show mit erkennbarem Vergnügen.

    Darmstädter Echo, job, 25.10.2011
  • Die Wellen der zeitlichen Umstände lässt Regisseurin Claudia Bauer in diesem kleinen Bordellstück (...) eher unsanft gegen die Salons der Madame Irma krachen. Die Polizeisirenen jaulen, Flugblätter schießen in den Saal, und es wird jede Menge geknallt. Mit Peitschen, Explosionen und Maschinengewehren wird die Revolution geübt und an der gesellschaftlichen Struktur gesägt. (...)

    Selbst die leisen Anfänge vor dem braunen Sackvorhang setzen einem schon kräftig zu – und dass, obwohl hier in strenger Stuhlreihe die sexuellen Vorlieben eher vorgetragen als ausgespielt werden. Doch schafft Bauers Ensemble ein beklemmendes Spiel mit der Begierde im Lustbetrieb und den selbst gezimmerten Bildern von sich selbst, in denen sich die Bordellbesucher wohlfein eingerichtet haben. Ineinander verschränkt und übereinander gelegt lässt sie die ersten Bilder des Stücks simultan zu einander ablaufen und setzt auf eine intensive Verknappung (...).

    nachtkritik.de, Bernd Mand, 21.10.2011
  • Das ist gutes Schauspielerfutter für Hans Fleischmann, Olaf Weißenberg und Andreas Seifert, die als Bischof, General und Richter dann auch die scheinheilige Selbstgerechtigkeit der Kirche, knarzende Rustikalität des Militärs und paragraphengestützte Doppelzüngigkeit der Jurisprudenz karikieren. Schauspielerisch ist das überzeugend (…).
    meier, Jürgen Berger, Dezember 2011