Theater und Orchester Heidelberg

Schauspiel

Stadt Land Flucht

Eine Stückentwicklung von Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris

  • Archiv – Spielzeit 2015|16

  • Uraufführung

    PremiereSa 23.04.2016, 19.30 Uhr, ca. 1 Stunde und 45 Minuten 18.45 Uhr Einführung Alter Saal+

In Heidelberg und den anliegenden Orten wurden mehrere Hundert Flüchtlinge untergebracht. Es sind unter anderem die leerstehenden Kasernengebäude, die die Möglichkeit eröffnen, Flüchtlingen Obdach zu geben, die auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und wirtschaftlicher Not nach Deutschland kommen. Konflikte in zahlreichen Ländern der Erde, auch dort, wo es die überwiegende Medienberichterstattung nicht vermuten lässt, lassen die Anzahl an Menschen anwachsen, die ihrer Heimat den Rücken kehren. Während die Europäische Union zunehmend Geld in die Organisationen zur Sicherung ihrer Außengrenzen investierte, hat die Realität der weltweiten Konflikte die Grenzen zunehmend porös gemacht. Im Sommer wurden die Grenzen für kurze Zeit geöffnet.
Parallel zur großen Hilfsbereitschaft der Deutschen, gewann eine Partei an Boden, die ihren Hauptstimmenfang über das Thema Flüchtlingspolitik machte und deren Parteimitglieder auch bei der dezidiert rassistischen Pegida-Bewegung auftreten.
Dieser Stimmung im Land versuchen die beiden Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris mit den Schauspielerinnen Katharina Quast, Nanette Waidmann, Dominik Lindhorst-Apfelthaler und Hendrik Richter auf den Grund zu gehen. In einem mediensatirischen Showformat empfangen sie Gäste, testen unser Wissen über das Thema und entlarven sich auf überraschende Art und Weise selbst.
Wichtigster Gast des Abends: der junge syrische Student Nader Almoaaz. Seine bewegende Geschichte steht symbolisch für das, was in diesem Sommer passiert  ist: Er gelangte mit dem Geld, was seine Familie für ihn bereit gestellt hat, über das Mittelmeer, über Griechenland, Mazedonien bis nach Deutschland. In zehn Tagen brachte er einen Trip quer durch Europa fertig und hofft nun auf Asyl und einen Studienplatz in Heidelberg.
Doch dann wurden die Grenzen wieder geschlossen und sein Bruder sitzt im schlammigen Zeltcamp in der Nähe von Idomeni fest.
Wie sollen Politik und Gesellschaft auf solche Schicksale reagieren? Can the show always go on?

Im Anschluss an die Vorstellungen von Stadt Land Flucht wurden die Künstler oft nach konkreten Anregungen gefragt, wo man sich einsetzen kann, wenn man für Geflüchtete aktiv werden möchte. Die Seite der Stadt fasst unter http://www.heidelberg-fluechtlinge.de/663164 alle wichtigen Fragen zusammen und listet unter »So können Sie sich engagieren« konkrete Ansprechpartner und Adresse auf.

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Stadt Land Flucht

Trailer von Thiemo Hehl

Pressestimmen

  • Auch wenn mancher befinden könne, das Thema »sei doch durch«, sei der Abend trotzdem ein »aufregender, aufwühlender, manchmal ärgerlicher und doch gelungener« geworden – so Steffen Becker in der nachtkritik.de (24.04.2016). Dem Gift, das die Debatten zu diesem Thema durchdringe, begegne das Regieteam mit »fröhlichem Zynismus«, spieße die Absurditäten der Debatte auf. Stadt Land Flucht nehme dem Zuschauer »das schlechte Gewissen nicht ab«, sondern trete es »genüsslich breit«: »Man verlässt das Haus mit dem Zwiespalt, Nader viel Glück zu wünschen, der großen Masse an Menschen, die aus ähnlichen Fluchtgründen erst noch gen Deutschland streben, dabei eher nicht.«

     

    Die »Glamour-Quizshow« sei in »politisch-operative Aktion umgeschlagen« und die Flüchtlingsschicksale seien dem Theaterpublikum ganz nahe gerückt, so Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (25.04.2016). Beispielhaft sei die Geschichte von Nader Almoaaz und seines Bruders, die »Züge einer griechischen Tragödie« trage – und die allein »das streckenweise agitatorische Dokudrama zugunsten der Flüchtlinge« rechtfertige, das als »Stärke des Theaters den Menschen ins Zentrum« stelle.

     

    Martin Vögele berichtet für den Mannheimer Morgen (29.04.2016) von einem »eindrücklichen« Abend, dessen »schrill-überdrehte, gern auch plakativ, zynisch und agitatorisch in Szene gesetzt Show-Elemente immer wieder aus vollem Lauf von der Bitterkeit persönlicher Schicksale aus der Satire-Bahn geworfen« worden seien. Der »simulative Erfahrungsraum« des Theaters werde hier aufgebrochen. Das »Leid der anderen« bliebe so kein »abstrakter Zustand«, über den man sich empören oder für den man Mitleid empfinden könne, sonders das Leid sei »immer so schmerzlich nah und real, dass man es weder ignorieren kann noch darf«.