Theater und Orchester Heidelberg
Probenfoto von Sebastian Bühler

Musiktheater

Writing to Vermeer

Oper in sechs Szenen von Louis Andriessen
Elektronische Einspielungen von Michel van der Aa

  • Archiv – Spielzeit 2017|18

  • Deutsche Erstaufführung
    Zum letzten Mal!Mo 09.07.2018, 19.30–21.15 Uhr 18.45 Uhr Einführung Marguerre-Saal+

Libretto von Peter Greenaway

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Johannes Vermeer (1631–75) ist zwar einer der bekanntesten Maler des holländischen Barock, doch sein Leben ist Gegenstand der Spekulation. Er erlebte die Blütezeit der Niederlande genauso wie ihren Absturz im französisch-niederländischen Krieg. Er scheint wohlhabend gewesen zu sein, und dennoch musste seine Witwe zur Abtragung der Schulden auf ihr Erbe verzichten. Er war Calvinist und heiratete die Katholikin Catharina Bolnes. Gegen den Widerstand ihrer Mutter Maria Thins. Diese Widersprüche, Geheimnisse und Kontraste sind Gegenstand der Oper, doch Vermeer selbst kommt in dem Werk gar nicht vor! Es sind seine Ehefrau, ihre Mutter und das Model Saskia de Vries, die sich in ihrem Verhältnis zum Künstler spiegeln. Es scheint um Häusliches zu gehen, ähnlich wie in so vielen Bildern Vermeers. Doch unter der scheinbar harmonischen Oberfläche brodelt es, lauern Gefahren, Intrigen und Unwägbarkeiten.

Louis Andriessen (geb. 1939) ist der einflussreichste niederländische Komponist seiner Generation. Mit »Writing to Vermeer« vertont er bereits zum zweiten Mal ein Libretto des englischen Filmregisseurs Peter Greenaway (geb. 1942). Bekannt als künstlerisch inspiriert von den Werken Strawinskys und Ivesʼ sowie verschiedenen Richtungen des Jazz und der Improvisation, lässt sich Andriessen bei dieser Arbeit auf das musikalische Erbe des Barock ein und verbindet es mit seiner eigenen Sprache.

Die erste Inszenierung von »Writing to Vermeer« wurde ab Ende des Jahres 1999 bis Anfang 2000 aufgeführt. Es folgten eine Tour nach New York sowie eine Aufnahme auf CD. Seitdem gab es durchaus konzertante Aufführungen (eine Orchestersuite-Version miteingeschlossen), allerdings kam es nie wieder zu einer Bühneninszenierung – bis heute in Heidelberg.
Ich freue mich sehr auf diese kommenden Aufführungen.
»Writing to Vermeer« entstand aus einer Idee des Filmemachers Peter Greenaway. Wir hatten bereits bei einem Fernseh-Kurzfilm zusammengearbeitet und auch bei meiner vorherigen Oper, Rosa, a Horse Drama, in der es um einen Cowboy geht, der sich in sein Pferd verliebt. Der Stoff bot viel Raum für energetische Cowboy-Filmmusik.
Vermeer liefert das perfekte Motiv: er hatte im Delft des 17. Jahrhunderts die schönsten Gemälde der Menschheitsgeschichte geschaffen, und das in Zeiten schwerster politischer Unruhen.
Das von Greenaway geschriebene Libretto ist sehr delikat und enthält wenig Handlung, dafür jedoch Verweise auf die chaosgeplagte Außenwelt. Vermeer ist unterwegs auf Reisen, die Oper spielt in seinem Haushalt. Die Protagonisten sind seine Frau, seine Kinder und sein Lieblingsmodel. Es gibt keine männlichen Rollen. In der Partitur sind Lieder enthalten, die Sweelinck ebenfalls für seine Kompositionen benutzte.
Für den Kenner: Bei der musikalischen Form der gesamten Oper handelt es sich um ein Spiegelbild: Szene 4 besitzt die gleichen Proportionen wie Szene 3 und so weiter. Jedoch nicht wortwörtlich, wie bei Webern, sondern eher durch »erneutes Erzählen eines jeden Details«.

Louis Andriessen, 22.04.2018

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Writing to Vermeer

Trailer von Thiemo Hehl

Pressestimmen

  • Für den Deutschlandfunk sprach Ursula Böhmer mit Komponist Louis Andriessen und Regisseur Johannes von Matuschka. Ihren Beitrag, gesendet im »Musikjournal« am 14. Mai 2018, können Sie jetzt noch im Online-Angebot des Deutschlandfunk nachlesen und hören.

     

    »Einhellige Publikums-Begeisterung und Jubel« habe es nach der Premiere für Ensemble, Regieteam und den Komponisten gegeben, so berichtet Rainer Köhl in der Rhein-Neckar-Zeitung (14.05.2018). Trotz des handlungsarmen Librettos stelle sich dank Musik und Szene »zu keiner Sekunge Langeweile ein«. Das Regieteam um Johannes von Matuschka habe »aus wohlbedachten Bildern spannendes Musiktheater« geformt: »Sparsam und konzis, gleichfalls bedachtsam und abgezirkelt.« Die »sehr atmosphärische Musik« sei vom Philharmonischen Orchester Heidelberg unter Dietger Holm »klanglich sensitiv« umgesetzt und »kraftvoll verdichtet« worden. Für die drei Protagonistinnen habe Andriessen »kantable Gesangspartien« geschaffen, deren »weitausschwingenden Intervallsprünge« von Hye-Sung Na, Irina Simmes und Elisabeth Auerbach sehr »rein« gestaltet wurden.

     

    In Heidelberg werde bei der Umsetzung der Oper »alles richtig gemacht«, urteilt Stefan M. Dettlinger im Mannheimer Morgen (14.05.2018). Inszenierung und Ausstattung hielten sich so im Hintergrund, dass die Suche nach dem abwesenden Maler vor allem »über die Musik und deren dezente Bebilderung funktioniere«, zumal die drei Protagonistinnen »hinreißend und hinreißend verschieden« sängen. He-Sung Na zeige »dramatische« Attacke, Elisabeth Auerbach »feine Mezzoeleganz« und Irina Simmes »große Sinnlichkeit«. »Großartig« seien auch das Philharmonische Orchester Heidelberg unter Dietger Holm sowie die von Ines Kaun einstudierten Chöre, die das Werk ernst nähmen und hier die »volle Berechtigung« dieser Musik aufzeigten.

     

    In der Opernwelt (Juli 2018) berichtet Uwe Schweikert von einem Abend, der »hübsch anzusehen« und von den drei Protagonistinnen »ansprechend gestaltet« worden sei. Clou der Inszenierung seien die Kinder und Jugendlichen des Chors, die das Geschehen begleiteten, das Ganze »mit Bewegung, Tempo, Witz« erdeten, »Wirklichkeit und Individualität in die gebrochenen Spiegelungen der Regie« brächten. Über allem liege ein »poetischer, intimer, farbenreicher Tonfall«, den das Philharmonische Orchester Heidelberg unter Dietger Holm »auf das Schönste« getroffen habe.

     

    Instrumente, elektroakustische Einspielungen, Videos und Dramaturgie ergänzten sich hier »tadellos«, bemerkt E. Engler im Opernglas (Juli/August 2018). Zu besichtigen sei ein »sehr ungewöhnliches« und die Fantasie anregendes Gesamtwerk aus »minimaler Handlung« und großem «künstlerischen Aufwand«. Unter der Leitung von Dietger Holm und Olivier Pols habe das Orchester »brilliert«, außerdem hebt er die Leistungen von Irina Simmes (mit »bemerkenswerter Freude an ihrer Rolle«, »starke Bühnenpräsenz«, »rührender« solistischer Auftritt) und Elisabeth Auerbach »unfehlbar trifft sie jede Intonation«, »klare Singstimme«) hervor.