Kanadisches Theater? Theater aus Kanada!
von Frank Weigand
Beim Thema »Kanada« denkt man zunächst nicht unbedingt an Theater. Klischees von unendlich weiten Landmassen, von Büffelherden, Ahornsirup und einer freundlichen multikulturellen Gesellschaft, von dem »besseren Nordamerika« drängen sich auf. Dies alles gibt es tatsächlich, doch findet es auch seinen Niederschlag in einer extrem diversen und vielgestaltigen Bühnenszene.
Allein aufgrund der geografischen Gegebenheiten sollte man lieber von »Theater aus Kanada« als von einem »kanadischen Theater« an sich sprechen. Zu zersplittert ist die Szene, zu groß die Entfernungen, zu kurz gegriffen wäre die Konzentration lediglich auf die Kulturmetropolen Toronto, Vancouver und Montréal.
Meine Lieblingsanekdote zur kanadischen Vielfalt ist bereits rund zehn Jahre alt. Damals durfte ich an der zweisprachigen École Nationale de Théâtre/National Theatre School in Montréal ein Übersetzungsseminar geben. Ich hatte einen Text des deutschen Theaterautors Kristo Šagor mitgebracht, den ich von den beiden Studiengängen für Szenisches Schreiben ins Québec-Französische und ins Englische übersetzen ließ. In dem Stück geht es um einen Jungen, der versucht, mit »Fremden« in Kontakt zu kommen. Im Rahmen meines Seminars hatten wir beschlossen, es für den kanadischen Kontext zu adaptieren. Als ich die Frage stellte »Wer wäre denn bei euch der Fremde?«, kam prompt die Antwort zurück: »Niemand – denn fremd ist hier ja eigentlich jede*r.«
Dabei ist die sprichwörtliche kanadische Toleranz hart erarbeitet und ein langer schmerzhafter Prozess. Lange Zeit wurden die Bühnen des riesigen Landes von weißen Künstler*innen bestimmt – und dann, ab den 1960er Jahren vom Kontrast zwischen der englischsprachigen Mehrheit und dem Theater aus Québec, der einzigen offiziell französischsprachigen Provinz, das seit seinen Anfängen Identitätsbehauptung und ästhetische Provokation zugleich war.
Ab Ende der 1980er Jahre drängten zunehmend nicht-weiße und Indigene Bühnenschaffende ins Rampenlicht. Das 1986 uraufgeführte Drama »The Rez Sisters« von Thomson Highway markierte den Beginn eines Indigenen Theaters, das in den Folgejahren dank einer massiven Förderpolitik zu größerer Sichtbarkeit gelangen sollte. Immerhin leben trotz eines jahrhundertelangen kulturellen Genozids auch heute noch um die 100 Indigene Nationen auf dem Staatsgebiet und sprechen rund 70 verschiedene Sprachen.
Die Aufarbeitung der kolonialen Schuld der weißen Bevölkerung findet vor nahezu jeder Theateraufführung ihren Ausdruck in dem sogenannten »land acknowledgement«, bei dem vor Publikum anerkannt wird, dass sich der Spielort auf dem widerrechtlich enteigneten Grund einer der Ersten Nationen befindet.
Gleichzeitig erkämpften sich auch andere Communities einen Platz. In den letzten Jahren wurden wichtige Intendanzposten in Toronto und Vancouver mit BIPoC-Künstler*innen besetzt, die Geschichten und Ästhetiken jenseits des weißen Mainstreams präsentieren. Bereits 1979 eröffnete in Toronto »Buddies in Bad Times«, das dienstälteste und nach wie vor größte explizit queere Theaterhaus der Welt.
Die Auswahl dieses Festivals zeigt einen Querschnitt durch die Themen, die derzeit die kanadischen Gesellschaften beschäftigen: Es geht um Traumata aus der Vergangenheit, die Lebensbedingungen der Indigenen Bevölkerung, um queere Selbstbehauptung, ökologischen und feministischen Widerstand und Inklusion in jeder erdenklichen Form. Was aus europäischer Perspektive oft frappiert, ist der hemdsärmelige Optimismus dabei.
Wenn das »Theaterland Kanada« uns etwas zu sagen hat, dann sicherlich, dass Europa keineswegs der Nabel der Welt ist. Dies – und die Suche nach einem Zusammenleben auf Augenhöhe in einer diversen Gesellschaft – ist in Zeiten erstarkender Nationalismen und gesellschaftlicher Spaltungen eine enorm wichtige Botschaft.
Hier finden Sie einen Überblick über das Gastlandprogramm beim Heidelberger Stückemarkt.
Frank Weigand
Kuratorische Mitarbeit
Geboren 1973 in Stuttgart, Studium der Romanistik, Philosophie und Komparatistik in Mainz und Dijon, lebt als freiberuflicher Kulturjournalist und Übersetzer in Berlin. Er interessiert sich vor allem für kollaborative Übersetzungsprozesse und den machtpolitischen Aspekt sprachlicher und kultureller Übertragung. In diesem Zusammenhang leitet er regelmäßig Übersetzer*innenworkshops in Deutschland, Frankreich und Kanada (FU Berlin, UdK Berlin, LMU München, Festival d’Avignon, La Mousson d’été, École Nationale de Théâtre du Canada, Deutscher Übersetzerfonds etc.). Bislang hat er rund 150 Theaterstücke hauptsächlich französischer und frankophoner, aber auch englischsprachiger Dramatiker*innen sowie Sachbücher aus den Bereichen Soziologie, Philosophie und Performancetheorie ins Deutsche übertragen. Seit 2011 gibt er gemeinsam mit der Regisseurin Leyla-Claire Rabih die Theateranthologie »SCÈNE – neue französische Theaterstücke« im Verlag Theater der Zeit heraus. 2021 initiierte er das Projekt www.plateforme.de. Als Journalist ist er für Medien wie Die Deutsche Bühne, Tanz, Theater der Zeit, taz, Die Welt, Berliner Morgenpost tätig.