Theater auf Augenhöhe

Ein wichtiger Teil der künstlerischen Arbeit am Theater & Orchester Heidelberg entsteht künftig zusammen mit Ihnen und euch – den Menschen dieser Stadt. In Inszenierungen mit Heidelberger Bürger*innen stehen Sie selbst auf der Bühne, bringen Ihre eigenen Geschichten und Perspektiven ein – und machen das Theater zu einem Ort der gemeinsamen Gestaltung.

Wie diese Zusammenarbeit entsteht und warum Gemeinschaft dabei eine so große Rolle spielt, darüber sprechen die Regisseur*innen Martina van Boxen (»Schöne neue Welt«) und Bassam Ghazi (»Mama, bitte lern Deutsch«) sowie Choreografin Gaëlle Morello (»Liebes.Rausch«) mit Chefdramaturg David Benjamin Brückel.

DAVID BENJAMIN BRÜCKEL Was bedeutet Teilhabe und Partizipation im Theater für euch?

MARTINA VAN BOXEN Viele Menschen denken, Theater sei elitär und intellektuell. Sie haben das Gefühl, etwas nicht zu verstehen, und deshalb gehen sie nicht hin. Wenn man sie teilhaben lässt und Zugänge eröffnet, verändert sich alles.

BASSAM GHAZI Wenn ich über Teilhabe und Partizipation im Theater nachdenke, gefällt mir der Begriff Community Art besser, weil er eine gemeinsame Arbeitsweise beschreibt. Grundlage ist für mich die Gewissheit, dass in jedem Menschen etwas Besonderes, etwas Künstlerisches steckt. Worum es sich dabei handelt, kristallisiert sich im Laufe der Proben heraus – und wird gemeinschaftlich zum Strahlen gebracht.

GAËLLE MORELLO Für mich geht es um horizontale Kommunikation, um einen Dialog auf Augenhöhe zwischen allen Teilnehmer*innen – egal ob man als Choreograf*in beteiligt ist oder als Darsteller*in auf der Bühne steht.

Wie arbeitet ihr? Wie entsteht euer szenisches Material?

BG Ich starte gerne mit einem gemeinsamen Check-in, damit die Leute nach einem anstrengenden Tag erst mal ankommen können. Um ins Spielen zu kommen und ein kollektives Brainstorming in Gang zu setzen, müssen die Spieler*innen frei im Kopf sein. Wir improvisieren und probieren aus, entwerfen und verwerfen, erinnern und erzählen, um in die Geschichten einzutauchen und Szenen und Bilder dafür zu finden.

GM Ich habe eine Ausbildung in Tanzmedizin und in somatischer Therapie. In jeder Probe versuche ich zunächst, die Mitwirkenden zurück in ihre Körper zu bringen: Wo bin ich und wie bewegt sich mein Körper? Wenn sie ankommen, brauchen sie einen Moment, um wirklich da zu sein. Durch Übungen aus dem somatischen Bereich öffnen sie sich und sind bereit, ihre Komfortzone zu verlassen, Neues auszuprobieren und die eigenen Grenzen peu à peu zu erweitern.

MB Ich arbeite sowohl themenbezogen als auch mit Stückvorlagen – und gerne mit Choreograf*innen. Obwohl ich vom Sprechtheater komme, sind mir Körper und Bewegung fast wichtiger als die Sprache. Da ich keine Pädagogin bin, lege ich immer Wert darauf, dass eine Person aus der Theaterpädagogik dabei ist, damit die Menschen ankommen und sich öffnen können.

Wie viel verändert sich im Probenprozess durch die Menschen, die mitspielen? Wie oft werft ihr Dinge über den Haufen?

MB Permanent. Ich habe aufgehört, mir zu Hause vorzustellen, wie Szenen sein sollen. Im Endeffekt geht es um die Menschen, die auf der Bühne stehen, und darum, was sie anbieten. Alles, was von ihnen kommt, ist wichtig, findet seinen Platz und wird in der Zusammenarbeit weiterentwickelt.

GM Wenn alle aufgewärmt sind, stelle ich Aufgaben. Oft filme ich mit, weil in langen Improvisationen zufällig wunderbare Momente entstehen. Dieses Zufallsprinzip ist für meine Arbeit zentral. Die Videos helfen mir, diese Momente festzuhalten. Die einzelnen Puzzleteile füge ich zu Sequenzen zusammen. Dann entwickeln wir Übergänge. 98 % des Materials kommt von den Teilnehmer*innen. Es sind ihre Bewegungen. Ihre Ideen.

BG Es geht immer um eine gemeinsame Suche. Natürlich recherchiere ich im Vorfeld und gebe Impulse. Aber lebendig wird es erst, wenn wir miteinander lesen, entdecken und vertiefen. Da geht ein neuer Kosmos auf. Das ist es, was mich am Theater begeistert. Postmigrantische Geschichten gibt es inzwischen in Buchform, in einer Sprache, die den Zeitgeist trifft. Häufig handelt es sich um Erzählungen, die bisher kaum gesehen oder gehört wurden. Für viele Mitwirkende ist es ein Antrieb, einen Ausdruck für ihre eigene Geschichte zu finden. Oft verflechte ich diese persönlichen Erfahrungen mit einer literarischen Vorlage.

Mit welchen Stoffen werdet ihr euch in dieser Spielzeit beschäftigen?

MB Wir werden uns den Roman »Schöne neue Welt« vornehmen. Wir lesen den Text auszugsweise und sprechen mit den Spieler*innen über die Themen, die für sie wichtig sind. So entsteht eine eigene Bearbeitung. Wir suchen junge Menschen ab 14 Jahren, und ich wünsche mir eine sehr diverse Gruppe hinsichtlich Herkunft, sozialer Hintergründe und Lebensrealitäten.

GM »Liebes.Rausch« soll ein Projekt mit mehreren Generationen werden, das wir nicht nur im Theater aufführen, sondern auch an einem anderen Ort in Heidelberg zeigen. Thematisch interessiert mich, wie Kinder, Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen bestimmte Momente im Laufe des Lebens wahrnehmen. Wie verändern sich Nähe und Berührungen – sind sie im Alter weniger präsent?

BG »Mama, bitte lern Deutsch« ist eine Liebeserklärung an die Elterngeneration. Es geht um die Generation der sogenannten Gastarbeiter*innen und um Sprache als Türöffner für Teilhabe. In seinem Buch schreibt Tahsim Durgun auf sehr pointierte Art Alltagsgeschichten über Rassismus und Klassismus in unserer Gesellschaft. Er erzählt aus der Perspektive des Kindes, das für seine Mutter Behördenbriefe übersetzen muss und bei Elterngesprächen dolmetscht. Das kennen viele Menschen mit Migrationsgeschichte. Bei uns werden mehrere Söhne und Töchter zwischen 15 und 30 Jahren auf der Bühne stehen sowie eine türkischstämmige, kurdischstämmige oder jesidische Mutter.

Wie hat partizipatives Theater euch verändert?

BG Ich lerne unglaublich viel von den Menschen, mit denen ich arbeite – teilweise stehen sie das erste Mal auf der Bühne. Ich öffne gerne Türen und freue mich, wenn die Augen strahlen und Menschen entdecken, was in ihnen steckt.

GM Partizipative Arbeit ist wie ein Spiegel. Ich lerne loszulassen. Es ist ein Prozess. Jede Gruppe ist anders. Es geht darum, jedes Mal einen gemeinsamen Weg zu finden. Das macht die Arbeit so spannend.

MB Ich habe gerade überlegt, was für mich wichtiger ist: Die Arbeit mit Profis oder mit Laien – ich kann es gar nicht sagen. Und diese Offenheit im Prozess, von der du sprichst, Gaëlle – da stimme ich voll und ganz zu.

Martina van Boxen (»Schöne neue Welt«) ist Schauspielerin und Regisseurin. Zwölf Jahre lang leitete sie die Theaterwerkstatt Hannover, dreizehn Jahre lang das Junge Schauspielhaus Bochum sowie zwei Jahre lang das Junge Staatstheater Kassel. Sie inszeniert für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie partizipative Projekte u. a. an der Bürger:Bühne Dresden, dem Theater Ingolstadt, dem Theater Freiburg, dem Schauspielhaus Bochum, dem Staatstheater Wiesbaden und dem TDJW Leipzig. Ihre Arbeiten wurden zu nationalen und internationalen Festivals eingeladen und sind mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2018.

Gaëlle Morello (»Liebes.Rausch«) ist Tänzerin, Tanzpädagogin und Choreografin für partizipative Projekte. Sie absolvierte ihre Ausbildung in Frankreich und war Ensemblemitglied an den Stadttheatern Hagen, Hildesheim und Fürth sowie am Staatstheater Braunschweig, wo sie auch als choreografische Assistentin tätig war. Heute unterrichtet sie Menschen jeden Alters und verbindet dabei künstlerische Prozesse mit somatischer Körperarbeit und Tanzvermittlung. Ihre inklusive Tanzproduktion »touch_taff« wurde beim Tanztreffen der Jugend 2025 in Berlin mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Bassam Ghazi (»Mama, bitte lern Deutsch«) ist freier Regisseur und Stadtdramaturg. Er pendelt zwischen den Kulturen und Perspektiven und betreibt Handel mit Geschichte und Geschichten: biografisch, postmigrantisch, divers, inkludiert und desintegriert. Von 2021 bis 2024 war er Künstlerischer Leiter des Stadt:Kollektiv, der partizipativen Sparte am Düsseldorfer Schauspielhaus. Für die Inszenierung »Solingen 1993. Eine theatrale Busreise in die Vergangenheit« wurde er 2024 mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet.

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