»Ich kann meinen eigenen Namen nicht aussprechen«

Mithu Sanyal ist eine vielfach ausgezeichnete Sachbuch- und Romanautorin. Für Bernadette Sonnenbichlers Eröffnungsinszenierung von »Romeo und Julia« verfasst sie Texte, die William Shakespeares berühmte Geschichte über den Konflikt zweier Familien und die verbindende Kraft einer Sprache der Liebe in die Gegenwart holen.
 

In diesem Essay schreibt sie über den Schmerz des Sprachverlusts in migrantischen Familien, über die Möglichkeit, sich Sprache wieder anzueignen – und über Mehrsprachigkeit als Geschenk. Themen, die den Spielplan dieser Saison im Schauspiel prägen (»Mama, bitte lern Deutsch«, »Babel«, »Die Anhörung«).

Möchten Sie ein Geheimnis erfahren? Ein Geheimnis, das so beschämend ist, dass ich es jahrzehntelang für mich behalten habe? Nur aufgrund eines zufälligen Gesprächs habe ich es überhaupt preisgegeben. Ich habe mich mit einer Freundin und Kollegin unterhalten, Jacinta Nandi. Sie ist Autorin, genau wie ich. Ihr Vater stammt aus Nordostindien, genau wie meiner. Unsere Väter sind beide mit Bengali als Muttersprache aufgewachsen. Ihr Vater wanderte nach England aus, meiner nach Deutschland, wo ich aufgewachsen bin. Jacintas Vater brachte ihr eine Fülle englischer Wortspiele bei – aber, so sagt sie, »er hat mir nie ein einziges Wort Bengali beigebracht«. Genau wie meiner. Mein Vater sprach immer Deutsch mit mir. Natürlich hörte ich ihn Bengali sprechen: am Telefon oder mit den wenigen indischen Freund*innen, die in Deutschland lebten. Aber ich konnte nicht verstehen, was er sagte. Schlimmer noch – mein Name, Mithu, ist bengalisch, aber Muttersprachler*innen haben mir gesagt, dass ich ihn nicht richtig ausspreche. Ja, das stimmt, ich kann nicht einmal meinen eigenen Namen aussprechen. Bis zu meinem Gespräch mit Jacinta dachte ich, dass mit mir etwas ernsthaft nicht stimmte. Welches Kind lernt nicht die Sprache seines Vaters? Wie sich herausstellt, viele von uns. Als ich einmal angefangen hatte, darüber nachzudenken, konnte ich nicht mehr aufhören, Menschen zu fragen, wie es sich anfühlt, die Sprache ihrer Familie nicht sprechen zu können. Viele erzählten mir von Gefühlen, die sich ihr ganzes Leben lang aufgestaut hatten. »Mein Vater wurde im Libanon geboren, sprach Arabisch aber nur am Telefon, in Restaurants oder mit Menschen, die ihn besuchten«, berichtet die deutsche Kinderbuchautorin und Geschichtenerzählerin Andrea Karimé. »Als Kind dachte ich daher, er würde eine Geheimsprache sprechen. Mein Vater wurde für mich zu einem Geheimnis.« Emily Chowdhury, eine in Berlin lebende Künstlerin, spricht über Ablehnung: »Wenn meine Eltern Dinge besprachen, die wir nicht hören sollten, wechselten sie ins Bengalische. Sprache wurde benutzt, um uns auszuschließen.«


Scham und Erwartung

Gleichzeitig und eher paradoxerweise wird von uns, die wir das Aussehen und die Namen unserer Vorfahren geerbt haben, oft erwartet, dass wir ihre Sprache sprechen. Ist dies nicht der Fall, kann die Reaktion hart ausfallen. Ich liebe das Gedicht »8 Confessions of my Tongue«. Der Dichter Noel Quiñones, der in den USA geboren und aufgewachsen ist, beschreibt darin seine Erfahrung, puertoricanische Vorfahren zu haben, aber nicht fließend Spanisch zu sprechen: »Mein Nachname ist eine Einladung an fremde Menschen, die sagen: Deine Eltern hätten es dir beibringen sollen.« Oder: »Du hättest dich mehr anstrengen sollen«, so als würden Kleinkinder sich die Finger in die Ohren stecken, sobald ihre Eltern Spanisch sprechen. Unter nicht-spanischsprachigen Latinos gibt es laut Forschungsergebnissen ein weit verbreitetes Schamgefühl – häufig machen sie die Erfahrung, dass ihre Identität aufgrund ihres Sprachverlustes in Frage gestellt wird.


Unsere »othertongues«

Ich betrachte diese verlorenen Sprachen – in Anlehnung an das englische Wort für Muttersprache, »mother tongue« – als unsere »othertongues«. Sie sind in unserer Abstammung und unseren Kindheitserinnerungen präsent, und doch seltsamerweise unerreichbar, weil wir sie nie selbst gelernt haben oder weil wir dazu angehalten wurden, sie zu vergessen. In meinem Fall gab es sogar zwei Verluste. Ich habe auch die Muttersprache meiner Mutter nicht gelernt: Polnisch. Als ich aufwuchs, wurden meine Eltern davor gewarnt, mir Bengali oder Polnisch beizubringen. Man sagte ihnen, dass Kinder, die mehr als eine Sprache gleichzeitig lernen, keine davon richtig lernen würden. Als ob ihre Sprachen die »wahre« Sprache – in diesem Fall Deutsch – verunreinigen könnten. »Diese Vorstellung gehört leider nicht der Vergangenheit an«, sagt Annick De Houwer, Direktorin des Netzwerks für Harmonische Mehrsprachigkeit (HaBilNet) und emeritierte Professorin für Spracherwerb und Mehrsprachigkeit an der Universität Erfurt. Dabei bezieht sie sich auf das längst widerlegte Konzept, wonach Zweisprachigkeit Kinder in ihrer Entwicklung behindern oder verwirren könnte. Tatsächlich haben Untersuchungen gezeigt, dass zweisprachige Kinder keine Sprachverzögerungen aufweisen und dass ihre Tendenz, manchmal beide Sprachen zu vermischen, nicht bedeutet, dass sie die Sprachen verwechseln. Vielmehr ist dies ein Zeichen dafür, dass sie ihr doppeltes Vokabular geschickt einsetzen und die für den jeweiligen Kontext am besten geeigneten Wörter auswählen.


Welche Sprachen sind willkommen?

Selbst wenn es um Zweitsprachen geht, gibt es deutliche Unterschiede darin, wie die Gesellschaft mit ihnen umgeht. Englisch ist in Deutschland allgegenwärtig und gilt als erstrebenswert. Mein Mann ist Brite, und alle sprechen Englisch mit ihm, obwohl sein Deutsch oft besser ist als das Englisch seiner Gesprächspartner*innen. Jedoch werden andere Sprachen nicht in gleicher Weise will kommen geheißen. Türkisch ist eine der am weitesten verbreiteten Minderheitensprachen in Deutschland, mit einer Geschichte, die bis zur Arbeitsmigration aus der Türkei in den 1960er-Jahren zurückreicht. Und dennoch sind türkischsprachige Menschen nach wie vor Diskriminierungen ausgesetzt. Im Jahr 2020 wurde ein neunjähriges Mädchen von ihrer Lehrerin gerügt, weil es auf dem Schulhof mit seiner Freundin Türkisch gesprochen hatte. Als Strafe musste es einen Aufsatz mit dem Titel »Warum wir in der Schule Deutsch sprechen« schreiben. Der daraus resultierende Aufsatz enthielt Sätze wie: »Wir dürfen unsere Muttersprache nicht sprechen, damit wir unser Deutsch verbessern.« Die Familie des Mädchens reichte mit Unterstützung eines Anwalts eine Beschwerde ein. Er stellte die Frage, ob ein Kind, das in der Pause Englisch spricht, genauso bestraft worden wäre. Unter Deutschen türkischer Herkunft gibt es ein Sprichwort: Türkisch ist keine Sprache, die man lernt, Türkisch ist eine Sprache, die man so schnell wie möglich vergisst. Als meine Heimatstadt Düsseldorf im Rahmen einer Feier der Mehrsprachigkeit ein Straßenschild auf Arabisch aufstellte, wurde es mit rassistischen Graffitis beschmiert und zog Online-Kommentare nach sich, in denen gefordert wurde, dass »sie« Deutsch lernen sollten. Ein Straßenschild auf Japanisch, das zur gleichen Zeit aufgestellt wurde, blieb hingegen unversehrt. Wie lässt sich dieser dramatische Unterschied in der Wertschätzung von Sprachen erklären? Untersuchungen legen nahe, dass es oft gar nicht um die Sprachen selbst geht, sondern um gesellschaftliche Einstellungen, insbesondere gegenüber Einwanderung.


Ressourcen statt Defizite

»In Deutschland wird Einwanderung immer noch als Ausnahme von der Regel angesehen, nicht als etwas Normales. Kinder, die zu Hause eine andere Sprache sprechen, werden als Kinder angesehen, die zu Hause kein Deutsch sprechen«, sagt Mark Terkessidis, ein bekannter Autor im Bereich der Migrations- und Rassismusforschung sowie Mitglied der Akademie der Künste der Tageszeitung Die Welt. »Wenn diese Kinder in die Schule kommen, liegt der Fokus auf ihren Defiziten und nicht auf ihren Ressourcen.« Der daraus resultierende Verlust kann tiefgreifende Auswirkungen auf die familiären Beziehungen haben. De Houwer kommentiert: »Es ist wirklich sehr wichtig, die Sprachen der Eltern zu sprechen: für die Eltern, für die Kinder, für die Familie.« Die Gesellschaft könne viel tun, um diesen Prozess zu unterstützen, sagt De Houwer. Ein praktisches Beispiel ist der Umgang mit Mehrsprachigkeit in Schulen. »Es ist wirklich notwendig, alle Sprachen, die Kinder mit in den Unterricht bringen, aktiv – aktiv! – zu respektieren, und dafür gibt es ganz einfache Möglichkeiten. Zum Beispiel, indem man den Namen eines Kindes richtig ausspricht.« An dieser Stelle des Interviews fange ich an zu weinen, wenn ich an meinen eigenen Namen denke und daran, dass ich ihn so lange nicht richtig aussprechen konnte. Nach Ansicht von De Houwer können solche kleinen Schritte einen großen Unterschied machen, ebenso wie die einfache Frage an die Kinder, wie man »Hallo« in der Sprache sagt, die sie zu Hause sprechen: »Wichtige Dinge wie diese. Man kann sie lernen«, fährt sie fort. »Und man kann die Kinder bitten, einem dabei zu helfen. Dann müssen alle Kinder in der Klasse lernen, wie man diesen neuen Mitschüler begrüßt. Um Wertschätzung für all diese verschiedenen Sprachen zu zeigen.«


Zu spät – oder doch nicht?

Auf persönlicher Ebene gibt es natürlich noch eine weitere Möglichkeit, den Sprachverlust zu beheben: Indem man sich später im Leben die »andere Sprache« wieder aneignet. Das kann viel schwieriger sein, als es klingt. Als Erwachsene habe ich immer wieder versucht, Bengali zu lernen. Wieder und wieder. Nach jahrelangen Bemühungen ist einer der wenigen Sätze, die ich sagen kann: »Ami Bangla tschiketschi.« Das bedeutet: »Ich lerne Bengali.« Was sich wie eine Lüge anfühlt. Das Einzige, was ich gelernt habe, ist, dass es dafür jetzt einfach zu spät ist. Zu meiner Überraschung ist Martha Bigelow, Professorin für Zweitsprachenunterricht an der University of Minnesota in den USA, anderer Meinung. »Es ist nicht notwendig, eine Sprache in jungen Jahren zu lernen. Jünger ist nicht immer besser.« Die sogenannte kritische Phase des Sprachenlernens, in der wir eine Sprache fließend lernen können, ist laut Forschungsergebnissen länger und flexibler als bisher angenommen. Bigelow schlägt außerdem vor, flexibler mit Mehrsprachigkeit umzugehen: »Man muss nicht perfekt fließend sprechen oder alle Sprachen genauso gut beherrschen wie die, die man am besten spricht.« Für manche bedeutet Mehrsprachigkeit vielleicht, gelegentlich Wörter oder Ausdrücke aus einer der Sprachen der Familie zu verwenden: »Es gibt viele Möglichkeiten, mehrsprachig zu sein.« De Houwer sagt, dass es auch hilfreich sein kann, über die eigenen Bedürfnisse nachzudenken, um die richtige Lernstrategie zu wählen. »Wenn Sie ein emotionales Bedürfnis haben, eine Verbindung zu Ihrer Familie, Ihrer Herkunft oder einem Teil Ihrer Herkunft aufzubauen, dann beginnen Sie Ihre Sprachreise nicht damit, lesen und schreiben in dieser anderen Sprache zu lernen. Beginnen Sie damit, sprechen zu lernen und Gespräche zu führen. Es geht darum, nicht allein zu sein.«


Der vierte Fall

Diese Idee der Verbundenheit findet bei mir großen Anklang. Ich spüre immer noch den Schmerz darüber, dass ich die Bücher, die mein Vater als Kind geliebt hat, nicht lesen kann. Aber ich empfinde auch Freude, wenn ich Bengali höre und es auf der Straße schon aus der Ferne erkenne. Ich kann Bengali lieben, auch wenn ich es nie richtig sprechen werde. Ich finde Sinn in seinen Besonderheiten, wie zum Beispiel der Tatsache, dass Substantive und Pronomen im Bengalischen kein Geschlecht haben – oder alle Geschlechter. Und meine Lieblingsbesonderheit: Bengalisch hat sechs grammatikalische Fälle. Dabei steht der vierte Fall ausschließlich für ein bedingungsloses Geschenk, das man nicht zurückgeben muss. Ich hoffe, dass all unsere »othertongues« eines Tages genau das sein werden: Geschenke, die ohne Zwang gegeben und empfangen werden.

Mithu Sanyal ist Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin und Kritikerin. Ihre Romane »Identitti« und »Antichristie« waren beide für den Deutschen Buchpreis nominiert und werden auf vielen Bühnen gespielt. 2026 erhielt sie den Heinrich-Mann-Preis.

Ihr Text erschien erstmals online unter dem Titel »›I can’t say my own name‹: The pain of language loss in families« unter www.bbc.com. © Mithu Sanyal. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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