Theater und Orchester Heidelberg

Einzigartigkeit versus Uniformität

Das litauische Theater, das in den vergangenen Jahrzehnten vor allem durch renommierte Regisseure in Westeuropa bekannt wurde, macht in der jüngsten Vergangenheit durch eine neue Generation vielseitiger junger Regisseur*innen der freien Szene auf sich aufmerksam. Beim Heidelberger Stückemarkt 2021 sollten unabhängige Theatermacher*innen aus den drei größten Städten Litauens fünf außergewöhnliche Produktionen präsentieren, die sich insbesondere mit Fragen der nationalen und persönlichen Identität sowie der Einzigartigkeit und Uniformität auseinandersetzen.

Hier das ursprünglich vorgesehene Programm:
»Eddie Aggregate oder Leben und Tod des unsterblichen Optimisten«, Keistuolių teatras
»Mari Kardona«, Stadttheater Kaunas
»Regenland«, Teatras Atviras ratas
»Stabat mater«, Apeirono teatras
»Have a good day!«, Operomanija Vilnius

Wegen der Pandemie können die Gastspieleinladungen nach Heidelberg leider nicht realisiert werden. Aber zwei Aufführungen werden wir dem deutschen Publikum als Mitschnitte präsentieren: »Regenland« und »Have a Good Day!«.

»Regenland« (inszeniert von Aidas Giniotis) gewährt sehr persönliche Einblicke in die dramatischen Geschehnisse des 20. Jahrhunderts, die tiefe Spuren in der Geschichte von Litauen hinterlassen haben. Die Produktion aus dem in Vilnius angesiedelten Teatras Atviras ratas erweckt authentische Geschichten von Menschen aus der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit in Litauen zum Leben. Nachgespielt und interpretiert von den Schauspieler*innen auf der Bühne, zeugen diese Geschichten vom Überlebenskampf in einer gnadenlosen politischen Situation und dem täglichen Ringen darum, trotz allem Mensch zu bleiben. Die Freuden und Leiden jeden Tages, Beziehungen und Erlebnisse vermischen sich zu einer eindrücklichen und undidaktischen Geschichtsstunde.

»Have a Good Day!« ist eine vielschichtige zeitgenössische Oper von Vaiva Grainytė, Lina Lapelytė and Rugilė Barzdžiukaitė, den Gewinnerinnen des Goldenen Löwen der Kunstbiennale in Venedig 2019 für ihre Arbeit »Sun&Sea (Marina)«. Die Musiktheater-Performance untersucht das Innenleben von Kassiererinnen in einem Einkaufszentrum: sie zeigt, was hinter ihren mechanischen Floskeln und hinter ihrem aufgesetzten Lächeln liegt. Sie verwandelt die gesichtslosen, roboterhaften Kassiererinnen des Alltagslebens in einzigartige und lebensvolle Charaktere, indem ihre geheimen Gedanken und ihre Lebensgeschichten in kurzen, persönlichen Minidramen aufblitzen. Die Persönlichkeiten der unterschiedlichen Ladenangestellten verkörpern universelle Archetypen und spiegeln die vorherrschende soziale Ordnung.

Außerdem werden im Rahmen des Festivals drei litauische Theaterstücke und ihre Autor*innen vorgestellt: »Identify« von Ieva Stundžytė, »Mütter und ihre Söhne« von Matas Vildžius und »Immobiliendrama« von Gabrielė Labanauskaitė. Ein Gesellschaftspanorama, ein Beziehungsdrama und eine Sozialkomödie. Auch hier zeigt sich die eindrucksvolle Bandbreite litauischen Theaters.

Giedrė Liugaitė,
Kuratorin für das Gastlandprogramm

Giedrė Liugaitė, 1978 in Vilnius geboren, ist Theatermanagerin, internationale Projektmanagerin und Produzentin. Sie studierte Sozialwissenschaften an der Bildungsakademie der Vytautas-Magnus-Universität sowie Kulturmanagement und Kulturpolitik an der Kunstakademie in Vilnius. Sie produzierte Arbeiten renommierter litauischer Regisseur*innen und des finnischen Regisseurs Kristian Smeds. Von 2003 an arbeitete sie als Koordinatorin des internationalen Theaterfestivals NEW DRAMA ACTION. Seit 2009 ist Giedrė Liugaitė Projektmanagerin des Atviras ratas Theaters und Initiatorin des alternativen Theaterfestivals OUT OF(F) CIRCLE in Vilnius.