Theater und Orchester Heidelberg

Die digitale Sparte

Das Programm des 38. Heidelberger Stückemarkts erweitert sich mit dem Netzmarkt um eine Digitalauswahl. Der Netzmarkt bildet die aktuellen digitalen Entwicklungen der deutschsprachigen Theaterlandschaft ab und das innovative Potenzial in digitalen Theaterproduktionen, die seit März 2020 und insbesondere November 2020 entstanden sind.

Als Kuratorin der drei Netzmarkt-Produktionen wurde Lea Goebel gewonnen, Dramaturgin am Schauspiel Köln. Arbeitserfahrungen verbinden sie unter anderem mit Luk Perceval, Bastian Kraft, Jürgen Flimm und Lily Sykes. Sie engagiert sich als Teil des Kernteams im dramaturgie-netzwerk.

Digitalkuratorin Lea Goebel über das utopische Potenzial neuer Theaterformen

Theater im digitalen Raum

Im vergangenen November richtete nachtkritik.de gemeinsam mit dem Literaturforum im Brecht-Haus und der Heinrich-Böll-Stiftung die Online-Konferenz »Das Postpandemische Theater« aus. Dabei sprach Regisseur Ersan Mondtag über die Abwesenheit des gesellschaftlichen Versammlungsortes Theater: Diese Frage stellten sich in diesem besonderen Theaterjahr 2020|21 auch die Kulturinstitutionen. Als sie im März und November ihre Türen schlossen, mussten sie neue Austragungsorte, ein neues »Heim« für die Projekte suchen. Das fanden sie häufig im digitalen Raum. Der erste Lockdown war geprägt von Neugierde, einem Sich-Ausprobieren. Als ab November langsam deutlich wurde, dass eine Rückkehr zum altbekannten Status quo noch eine Weile dauern würde, erarbeitete man innovativere, experimentellere Formate. Ob Live-Streams mit Chatfunktion, Abstimmungstools, die einen Eingriff in den Handlungsverlauf zuließen, VR-Brillen, Gaming-Formate oder die Zuhilfenahme von interaktiven Apps: ein neuer Ehrgeiz war geweckt, der sich nicht nur bei den Kulturschaffenden abzeichnete, sondern auch vom Publikum und den Kritiker*innen erwartet wurde.

Wie bildet man dieses Jahr also akkurat ab? Der Heidelberger
Stückemarkt hat sich durch die neue Rubrik »Netzmarkt« für einen hybriden Weg entschieden. Ich persönlich hoffe, dass diesem Vorbild noch andere Festivals folgen, gegebenenfalls braucht es darüber hinaus neue Kategorien für Theaterpreise, die digitale Projekte bedenken, ähnlich dem österreichischen Nestroy-Preis.

Für den »Netzmarkt« haben wir uns für drei Produktionen entschieden: »werther.live«, »A Room of Our Own« und »Homecoming«.

»werther.live« startete zunächst als kleines Projekt eines neuformierten Theaterkollektivs und schaffte es im Februar mit einem Bericht sogar in die New York Times. Goethes Briefroman des Sturm und Drang wird mithilfe von eBay-Kleinanzeigen, Zoom oder WhatsApp in die Jetztzeit versetzt. Die Zuschauer*innen tauchen durch Werthers Desktop in seine Welt und die Figurenkonstellationen ein. »werther.live« gelingt es, die fiktiven Biografien dank personalisierter Instagram-Accounts auch auf Social Media weiterzuerzählen.

»Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können«, so Virginia Woolf  1929 in ihrem Essay. Swoosh Lieu gehen in ihrem Kurzfilm »A Room of Our Own – Vorstellung für Browser:in und variables Publikum« den Thesen Woolfs aus heutiger Perspektive auf den Grund. Eine feministische Intervention, gedreht im Bühnen- als auch Stadtraum, die durch den Sound, der extra für Kopfhörer aufbereitet wurde, besticht.

machina eX arbeiten seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Gaming und Theater. Mit »Homecoming« haben sie ein interaktives Live-Game für den Messenger-Dienst Telegram entwickelt, das sich thematisch mit der Pandemie und den physischen und psychischen Folgen der Isolation auseinandersetzt. Das gemeinsame Online-Erlebnis in Chat-Gruppen erfährt durch ein Päckchen, das die Zuschauer*innen vorab per Post erhalten, eine kreative Offline-Erweiterung.

Nicht nur diese drei Produktionen zeigen: Das Digitale ist kein Substitut, perspektivisch könnte es zu einer dauerhaften Ergänzung des analogen Spielplans werden. Wir stehen erst am Anfang der Erkundung eines neuen Arbeitsfelds der darstellenden Kunst, das sich technisch rasend schnell weiterentwickelt und noch viel Potenzial für Symbiosen zwischen Augmented Reality, Virtual Reality, 360°-Aufnahmen, Künstlicher Intelligenz, Robotik und Theater birgt. Jetzt ist der Zeitpunkt, Erkenntnisse in die Recherche neuer virtueller Spielwelten einfließen zu lassen. So  entdecken wir gemeinsam digitale Verfahren, die das Potenzial neuer Erzähldramaturgien im virtuellen Raum eröffnen.

Homecoming. Ein Live-Theater-Game für Zuhause

von machina eX | Koproduktion HAU Hebbel am Ufer, FFT Düsseldorf und HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste

Di 4.5.2021, 17.00 Uhr
Live-Theater-Game für Zuhause
A Room of Our Own

Vorstellung für Browser*in und variables Publikum von Swoosh Lieu

Di 4.5.2021, 20.30 Uhr
Video-Stream auf dringeblieben.de
werther.live

Ein digitales Theaterstück von punktlive

So 9.5.2021, 18.30 Uhr
Live-Stream auf dringeblieben.de

Die Longlist

Lea Goebels Longlist umfasst sowohl Produktionen großer Theaterhäuser als auch aus der freien Theaterszene und bildet eine Bandbreite digitaler Kanäle von YouTube und Livestream bis hin zu Game-Theater und hybriden Formaten ab:

DEKALOG Schauspielhaus Zürich
HOMECOMING machina ex | HAU Hebbel am Ufer | FFT Düsseldorf | Hellerau Dresden
WERTHER.LIVE punktlive
DER ZAUBERBERG Deutsches Theater Berlin
FROM HORROR TILL OBERHAUSEN Kollektiv FUX | Theater Oberhausen
WOYZECK INTERRUPTED Deutsches Theater Berlin
MAP TO UTOPIA fringe ensemble, Bonn | Platform Tiyatro, Istanbul
ETERNAL PEACE Schauspiel Frankfurt
CUSTOMERZOMBIFICATION 1 | MEIN FREMDER WILLE Theater Vorpommern | BORGTHEATER – cyborg performing theater
A ROOM OF OUR OWN Swoosh Lieu | Künstlerhaus Mousonturm
14 VORHÄNGE Staatstheater Augsburg