Theater und Orchester Heidelberg

Mit der Spielzeit 2019|20 erfindet der Winter in Schwetzingen sich neu: das Barock-Fest bleibt barock, aber deutsch! Während der Fokus der vergangenen Spielzeiten auf der Ausgrabung selten gespielter italienischer Meisterwerke lag, widmet sich das Festival fortan einem Porträt der deutschen Barockoper, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Während italienische und französische Barockmusik bereits ihre Renaissance durch eine historisch informierte Aufführungspraxis erfuhren und auch des Öfteren auf den Spielplänen zu finden sind, bleiben deutsche Komponisten nach wie vor stiefkindlich behandelt. Ihre Musik galt oft als eintönig und formell verpönt, sodass viele tatsächlich spannende und vielfältige Werke noch immer in den Archiven und Bibliotheken schlummern. Bei genauerer Betrachtung öffnet sich ein reichhaltiger musikalischer Kulturschatz, dessen Wiederentdeckung auf sich warten lässt.

Mit Georg Caspar Schürmann steht ein Komponist im Mittelpunkt, dessen Wirken noch wenig Betrachtung erfahren hat. Komponisten in seinem direkten Umfeld wie Reinhard Keiser oder Carl Heinrich Graun sind in Fachkreisen bereits etabliert. So sind beide als stilprägend an der bekannten Hamburger Gänsemarktoper – das erste für die Öffentlichkeit zugängliche Opernhaus Deutschlands – verortet, an dem auch Schürmann später große Erfolge feiern konnte. Schürmann ist Nachfolger Keisers und Vorgänger Grauns in Braunschweig und konnte durch sein Schaffen die Blütezeit der deutschen Barockoper sowohl in Braunschweig als auch in Hamburg maßgeblich prägen.

Das Opernhaus von Braunschweig-Wolfenbüttel (Opernhaus am Hagenmarkt) war neben München (Opernhaus am Salvatorplatz) und eben Hamburg eines der drei Zentren deutscher Theaterkunst zur Wende zwischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert. Hier, in Braunschweig, wurde nicht nur Lessings »Emilia Galotti« und Goethes »Faust I« später uraufgeführt, sondern auch 30 Werke von Georg Caspar Schürmann, der einst versuchte, hier als langjähriger Kapellmeister eine erste Form der Nationaloper zu schaffen –  ein Gedanke, avant la lettre einer romantischen Idee. Die neue Bürgeroper der Zeit bildet den Ursprung des deutschen Stadttheater-Ideals, welches das höfische, dem Adel vorbehaltene Kulturschaffen nach und nach verdrängte.

Kunst und Kultur für alle ist das Motto der Zeit – ein Motto, welches aktueller nicht sein könnte.

Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die Bemühung Schürmanns zu verstehen, eine deutsche Nationaloper zu etablieren. Während im süd- und mitteldeutschen Raum die Einflüsse der italienischen Barockoper unverkennbar waren, wollte Schürmann rein deutsch gesungenes Musiktheater etablieren, welches vom Volk verstanden werden kann und bei welchem Sprache und Musik aus einer Einheit heraus geschaffen wurden. Dies gelang in Braunschweig-Wolfenbüttel, während in der kosmopolitischen Hansestadt Hamburg nach Gusto des Publikums die Einlage italienischer Arien nicht vermieden werden konnte. Schürmann bestand aber darauf, die italienischen Arien eben italienisch zu lassen und diese nicht – wie sonst üblich – zu übersetzen, wodurch auch im Italienischen die Synthese von Musik und Wort erhalten wurde.

»Die getreue Alceste« ist eine von drei erhaltenen Opern Schürmanns und ist ein Juwel der deutschen Barockmusik, das dank des Engagements der Hamburger Dirigentin und Herausgeberin Ira Hochman nach 300 Jahren endlich wieder auf einer Opernbühne zu neuem Leben erweckt werden kann. In Schwetzingen versprechen Star-Lautenistin Christina Pluhar am Pult des Philharmonischen Orchesters Heidelberg gemeinsam mit dem aufstrebenden Regisseur Jan Eßinger und Ausstatterin Benita Roth spannendes Musiktheater auf höchstem Niveau. Neben der gefeierten Barock-Sopranistin Sophie Junker sind Szene-Stars wie Emmanuelle de Negri und Countertenor Rupert Enticknap erstmalig in Schwetzingen zu erleben, wie auch das neue Schwetzinger Opernstudio – vier junge Nachwuchstalente, welche den Cast bereichern.

Zudem verspricht ein vielfältiges Konzertprogramm – unter anderem mit einer Weltpremiere der mehrfachen Echo-Klassik-Preisträger L’Arpeggiata – erneut ein wahres Barock-Fest im Schwetzinger Schlosstheater!