Theater und Orchester Heidelberg
Rokokotheater Schwetzingen; Foto Annemone Taake

Grundgedanken zum Zyklus Opera napoletana

Opera Napoletana VI. Grundgedanken zum siebenteiligen Zyklus beim Winter in Schwetzingen 2011|12 bis 2017|18.

Seit 2011|12 unternimmt die Opernsparte des Heidelberger Theaters den bisher in Deutschland – möglicherweise auch darüber hinaus – einmaligen Versuch, in einem auf sieben Spielzeiten angelegten Zyklus die historisch bedeutsame, aber bis dato der Vergessenheit weitestgehend anheimgefallene Epoche der scuola napoletana systematisch in Form eines chronologischen Längsschnittes von den Anfängen bis zu ihrem Ende vorzustellen. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass es sich bei den meisten der in diesem Kontext aufgeführten Werke um Deutsche Erstaufführungen handelt, in speziell für die Heidelberger Opernsparte angefertigten Editionen.

Worin besteht die historische Relevanz dieser Epoche, die von 1650 an die Geschichte der Oper für etwas mehr als ein Jahrhundert maßgeblich bestimmte und als deren Begründer Francesco Durante gilt, wenngleich Alessandro Scarlatti in der Regel als ihr erster großer Meister angesehen wird? Neapel war im europäischen Kontext stets ein besonders innovatives Opernzentrum, vor allem in den 1740er, 1750er und 1760er Jahren, als Tommaso Traetta, Johann Adolf Hasse und Niccolò Jommelli dort wirkten. Die von Traetta, Hasse und Jommelli komponierten Werke bilden im Rückblick den vor ihrer Wiederentdeckung häufig gesuchten missing link, das fehlende Verbindungsstück zwischen dem musikalischen Barock und der musikalischen Klassik. Hier ist insbesondere die »Erfindung« der Accompagnato-Rezitative und deren Verwebung mit Chortableaus, Arien und Duetten zu quasi durchkomponierten Szenenblöcken zu nennen – prototypisch in der Furienszene in Traettas Ifigenia in Tauride.

Deutsche Erstaufführungen in diesem Zyklus waren bisher Antonio Scarlattis Marco Attilio Regolo – eine der drei wichtigsten Wiederentdeckungen der Spielzeit 2011|12 laut der Jahresumfrage der Fachzeitschrift »Opernwelt« – Porporas Polifemo sowie Tommaso Traettas Ifigenia in Tauride (2014 vom Deutschlandfunk live aufgezeichnet), eine besonders interessante Wiederentdeckung, da diese Oper direkt nach der Uraufführung von Glucks Orfeo ed Euridice, dem Prototyp der Wiener Opernreform, für den Wiener Hof geschrieben wurde, so dass hier Wechselwirkungen zwischen Neapolitanischer Innovation und Wiener Opernreform offenkundig wurden. Die letztjährige Inszenierung von Leonardo Vincis Didone abbandonata in Georg Friedrich Händels Bearbeitung, an der wir die Ausstrahlung der neapolitanischen Oper auf andere europäische Musikzentren untersuchten, war sogar die mutmaßlich erste szenische Aufführung seit ihrer Uraufführung im Jahre 1737. Basierend auf dieser Inszenierung, mit der wir auch zu den Internationalen-Händel-Festspielen-Halle 2016 nach Bad Lauchstädt eingeladen wurden, produziert Sony Music im November 2016 eine Gesamteinspielung auf CD als Studioaufnahme in Kooperation mit Radio Berlin Brandenburg und dem WDR.

Keine Deutschen Erstaufführungen und insofern Ausnahmen waren dagegen die Wiederentdeckungen von Jommellis für den Stuttgarter Hof geschriebenen Fetonte anlässlich des 300. Geburtstag des Komponisten und Zingarellis Giulietta e Romeo, einer Oper, die beim Winter in Schwetzingen 2016|17 erstmalig seit einer Neuinszenierung an der Münchener Hofoper im Jahre 1829 szenisch in Deutschland zu erleben war. Zingarelli ist von seinen Lebensdaten (1753-1837) und Schaffen her der letzte Vertreter der barocken scuola napoletana und bildet damit in seiner Person ein Bindeglied vom Zeitalter des Barock über die Klassik bis in die Epoche der Belcanto-Oper des 19. Jahrhunderts.

Nachdem wir damit von Alessandro Scarlattis Marco Attilio Regolo (1719) bis Zingarellis Giulietta e Romeo (1796) die Epoche der opera napoletana von einem ihrer frühsten Meisterwerke bis zu ihrem letzten bedeutenden Bühnenwerk durchschritten haben, kehren wir zum Abschluss dieses Zyklus anlässlich von Nicola Antonio Porporas 250. Todestag mit der Deutschen Erstaufführung von Mitridate zu einem ihrer wichtigsten Komponisten und zu ihrem zentralem Gesangspädagogen zurück.

Heribert Germeshausen

OPERA NAPOLETANA I-VII

25.11.2011 Deutsche Erstaufführung (DEA)
Alessandro Scarlatti Marco Attilio Regolo
(ML: Rubén Dubrovsky; Regie: Eva-Maria Höckmayr)

07.12.2012 DEA
Niccolò Antonio Porpora Polifemo
(ML: Wolfgang Katschner; Regie: Clara Kalus)

15.12.2013 DEA
Tommaso Traetta Ifigenia in Tauride
(ML: Wolfgang Katschner; Regie: Rudolf Frey)

28.11.2014 zum 300. Geburtstag
Niccolò Jommelli Fetonte
(ML: Felice Venanzoni; Regie: Demis Volpi)

05.12.2015 DEA
Leonardo Vinci/G.F. Händel Didone abbandonata
(ML: Wolfgang Katschner; Regie: Yona Kim)

25.11.2016 erstmals seit 1829
Niccolò Antonio Zingarelli Giulietta e Romeo
(ML: Felice Venanzoni; Regie: Nadja Loschky/Thomas Wilhelm)

01.12.2017 zum 250. Todestag DEA
Niccolò Antonio Porpora Mitridate
(ML: Felice Venanzoni; Regie Jacopo Spirei)