Theater und Orchester Heidelberg

Deutschsprachiger Autor*innenwettbewerb

Texte von Raphaela Bardutzky, Svenja Viola Bungarten, Fabienne Dür, Anna Gschnitzer, Patty Kim Hamilton und Wilke Weermann

Aus 102 Einsendungen hat das Stückemarkt-Team des Theaters und Orchesters Heidelberg sechs Theaterautorinnen und Theaterautoren ausgewählt. Ihre noch nicht uraufgeführten Stücke werden am 1. und 2. Mai 2021 in Lesungen vorgestellt. Daraufhin vergibt die Jury den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts. Dieser wird gestiftet durch die Manfred Lautenschläger-Stiftung und ist mit 10.000 Euro dotiert. Außerdem wird die Premiere eines der nominierten Stücke das Festival im kommenden Jahr eröffnen – als Uraufführung oder Zweitaufführung.

Im Autor*innenwettbewerb des Heidelberger Stückemarkts 2021 nominiert sind

 

»Fischer Fritz« von Raphaela Bardutzky

Übersetzungen ins Polnische von Aleksandra Lukoszek
Es lesen Steffen Gangloff, Hans Fleischmann, Maria Magdalena Wardzinska

Raphaela Bardutzky © Jean-Marc Turmes

Fritz, Urbayer, war mal Fischer. Jetzt ist er Rentner, neigt zu Stürzen und hat kleinhirninfarktbedingte Artikulationsprobleme. Nicht mal seine After Eights kann er noch auspacken. Franz, sein Sohn, ist Friseur und Städter, beides von Herzen. Jetzt muss er sich zwischen potentiellen Pflegevarianten entscheiden. Die Wahl fällt auf Piotra, Live-in-Pflegekraft aus Polen, die eigentlich von Bali oder wenigstens Vietnam träumt. Jetzt landet sie im bayrischen Hügelland. Ob der Vater mit einer Polin klarkommt? Zwischen Rummykub, Tierdokus und Geranien erzählt Raphaela Bardutzky durch und durch empathisch und sprachgenau von Figuren wie auf einer Raumstation. Ein Alltag im Weltall zwischen »Guten Tag« mit polnischem Akzent und stur-beseeltem »Griaß God«.

 

Raphaela Bardutzky
arbeitet als freie Dramaturgin und Autorin. 2016 gründete sie das Netzwerk der Münchner Theatertexter*innen mit, außerdem gehört sie zum Autor*innen- und Leitungsteam der Theaterserie »Münchner Schichten«, die 2019 am Münchner HochX Theater zu sehen war. Ihr Stück »Wüstling« wurde 2017 mit dem Münchner Literaturstipendium ausgezeichnet.

»Maria Magda« von Svenja Viola Bungarten

Es lesen Sheila Eckhardt, Lisa Förster, Sophie Melbinger, Christina Rubruck, Esra Schreier, Leon Maria Spiegelberg

Svenja Viola Bungarten © Tara Jerome

Maria, Magda und Hildie: drei junge Frauen in einem katholischen Internat für schwer erziehbare Mädchen, irgendwo in Deutschland, tief im Wald. Ihre Mitbewohnerinnen – das lernt Maria, die Neue, schnell – glauben felsenfest an Übersinnliches an diesem Ort, der feinsten Stoff für Albträume liefert. Hexenkinder, Nonnen im 13er-Pack und Gott höchstpersönlich spuken voller Eigendynamik durch die Gehirne der Mädchen. »Frage nach dem, was nicht erzählt wurde!« wispert es – und genau das tun sie, selbstbewusst, beharrlich, feministisch: Wie kann man der Geschichte der Mächtigen widerstehen? War die unbefleckte Empfängnis eine Vergewaltigung? Und warum um Gottes willen ist seit zwei Monaten Mirjam verschwunden?

 

Svenja Viola Bungarten
hat mit »Maria Magda« einen im besten Sinne provozierenden und mit weiblichem Empowerment aufgeladenen Theatertext vorgelegt, der im Juni 2021 am Theater Münster uraufgeführt wird. Bungarten, derzeit Hausautorin am Theater Koblenz, wurde mit ihren vielfach ausgezeichneten Stücken unter anderem zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen, ist Mitglied des Ministeriums für Mitgefühl und hat das Kollektiv »Die Antagonistinnen« gegründet.

»Gelbes Gold« von Fabienne Dür

Es lesen Johanna Dähler, Sheila Eckhardt, Nicole Averkamp, Olaf Weißenberg

Fabienne Dür © Stella Schimmele

Kurz vor ihrem Studienabschluss in der Großstadt kommt Ana zurück in ihre Heimat, zurück in ihre Vergangenheit – zu ihrer Familie und zu ihrer alten Schulfreundin Juli, welche die Kleinstadt nie verlassen hat. Doch hier bei ihrem Vater, der den Imbiss »Zum Gelben Gold« betreibt, hier, wo »diese Stille, diese Weite« auf die Enge der Kleinbürgerlichkeit trifft, sind die Uhren nicht stehengeblieben. Modernisierungsmaßnahmen in der Gegend bedrohen die Existenz des Vaters und dessen Freundin. Julis sicheren Hafen mit Mann, Haus und Job gibt es auch nicht mehr. Und warum ist Ana überhaupt zurückgekommen? Alle Vier stecken sie in der Krise. Müssen sie sich am Ende doch mit dem Gedanken an eine ganz andere Zukunft anfreunden, als jener, die immer sicher schien? Liebevoll beschreibt Dür in ihrem Stück das Gefühl vom Heimkommen und Erwachsengewordensein, von Lebenskrisen und Entscheidungen.

 

Fabienne Dür
wurde 1993 in Berlin geboren. Sie studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 2018 erhielt sie den Sonderpreis des Kinder- und Jugendtheaterpreises des BMFSFJ. Aktuell ist Fabienne Dür für den berliner kindertheaterpreis 2021 des Grips Theaters Berlin nominiert.

»Einfache Leute« von Anna Gschnitzer

Es lesen Lisa Förster, Sophie Melbinger, Katharina Quast, Hendrik Richter, Esra Schreier, Leon Maria Spiegelberg

Anna Gschnitzer © Julian Baumann

Ist uns allen schon vor unserer Geburt ein Platz in dieser Welt zugewiesen und durch die soziale Herkunft festgelegt? Inwieweit bestimmen die Verhältnisse, in die wir hineingeboren werden, unsere Zukunft? Das fragt sich auch Alex. Als Kind wurden ihr die Unterschiede zwischen einem privilegierten Leben und dem ihrigen deutlich vor Augen geführt. Für sie schienen manche Ziele unerreichbar. Es blieb nur eins – mit aller Kraft aus diesem bescheidenen Milieu zu entfliehen und alles hinter sich zu lassen. Und es sieht ganz so aus, als hätte es funktioniert. Jetzt, zwanzig Jahre später, arbeitet sie als Kuratorin in einem Museum für zeitgenössische Kunst. Aber der Eindruck, nicht dazuzugehören, verschwindet einfach nicht. Immer fühlt sie sich wie eine Hochstaplerin und nicht als Teil der sogenannten Elite. Die Herkunft nicht zu verleugnen und gleichzeitig den eignen Platz zu finden, scheint unmöglich.

 

Anna Gschnitzer
wurde 1986 in Innsbruck geboren. Aufgewachsen ist sie in Südtirol, lebt und arbeitet in Wien. An der Universität für angewandte Kunst in Wien schloss sie ihr Bachelorstudium der Sprachkunst ab und anschließend ihr Masterstudium der Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Wien. Anna Gschnitzer ist Mitbegründerin von theaterkollektiv bureau und des KünstlerInnenkollektivs Studio Furio.

»Peeling Oranges« von Patty Kim Hamilton

Es lesen Agnes Decker, Thu Trang Dong, Melanie Lyn, Lieko Schulze

Patty K. Hamilton © Pauline Ruther

Nach längerer Abwesenheit kehrt Jae nach Oregon zurück, in das Haus, in dem ihre Mutter Umma lebt und ihre jüngere Schwester Luna. Luna steht am Beginn ihres erwachsenen Lebens, Jae ist sich selbst schon ganz nahe. Umma breitet ihre Erwartungen an die Töchter ganz im Erbe der verstorbenen Großmutter wie einen Teppich über den beiden aus. »Peeling Oranges« handelt von den Geschichten dreier Frauen mit koreanischen Wurzeln in Amerika, von ihren Geistern, ihrer Familie und ihren Erinnerungen. Auf der Suche nach Aufbruch, nach Zukunft, nach sich selbst. Patty Kim Hamilton schafft eine multisensorische Atmosphäre mit dem sanften Fluss, in dem ihre Figuren miteinander agieren. Ihr Schreiben arbeitet an der Fläche von Körpern, Familie, Sprache und Heilung.

 

Patty Kim Hamilton
ist Autorin und Performance-Künstlerin und befindet sich im Abschluss ihres Masters für Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. »Peeling Oranges« erhält eine spezielle Erwähnung bei den Autorentheatertagen 2021 am Deutschen Theater Berlin. Ihr Stück »ICH HÄTTE GERN ZU MEINER LEBZEIT KEIN KRIEG (I don’t wanna experience war)« wird am Stadttheater Bremerhaven 2021 zur Uraufführung kommen.

»Hypnos« von Wilke Weermann

Es lesen Nicole Averkamp, Lisa Förster, Hendrik Richter, Andreas Uhse, Leon Wieferich

Wilke Weermann © Sven Serkis

Im Zugabteil, Rauschen. Und da ist diese Stimme, schlecht zu hören durch das Bordradio. »Bitte, wachen Sie auf«. Immer wieder wird die Stimme durch die Mitreisenden oder das Bordpersonal unterbrochen, verschwimmt wie die Landschaft hinter den Fenstern. »Warum wollen sie dich davon abhalten, mehr zu erfahren? Warum halten sie dich davon ab, aufzuwachen?« Hypnos heißt die Stimme. Eine neue Technologie, welche mit im Koma liegenden Menschen kommunizieren kann. Seit Jahren liegt die Frau hier schon, dies ist die letzte Möglichkeit, sie zu erreichen, sie zurückzuholen. Der Text zeichnet ein atmosphärisches Bild des Graubereichs zwischen Leben und Tod. Gefangen in einem Zugabteil befindet sich die Komapatientin auf einer Fahrt zwischen Traum und Wirklichkeit. Wo wird die Reise hingehen?

 

Wilke Weermann
wurde 1992 in Emden geboren. 2014 begann er sein Regiestudium an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Im selben Jahr wurde sein erstes Drama »Abraum« für den Retzhofer Dramapreis nominiert, um dann 2016 mit dem Hauptpreis des Münchner Förderpreises für deutschsprachige Dramatik ausgezeichnet zu werden. 2019 erhielt er das Hans-Gratzer-Stipendium. Weermann ist ebenfalls tätig als Regisseur.