Theater und Orchester Heidelberg

Digitales Programmheft zu »Neuland«

»Alles was passiert, bedeutet etwas; nichts, was du tust, ist jemals bedeutungslos.«
(Aldous Huxley: »Schöne neue Welt«)

Platz für deine Ideen: Neuland

Das »Neuland« wird in einem »Weißen Raum« errichtet. Es ist für uns kein Ort, den wir mit unseren eigenen Füßen betreten können, dessen weiße Wände wir spüren können. Es ist eine Fläche, ein zweidimensionales Abbild einer größeren »Netzrealität«. In dieser digitalen Sphäre kommen wir zusammen und führen die Hände der Spieler*innen. In Teamarbeit wird entschieden, welche Farbe, welche Materialität, welche Themen Platz finden, welche Worte gesprochen werden, welche Bewegung ausgeführt wird. Alles vor einem gemeinsamen Hintergrund: Wie gehen wir mit diesem offenen Angebot einer »Tabula Rasa« um?

Was bedeutet das für uns als Teilnehmende – und was bedeutet es für diejenigen, die sich in diesem digitalen und gleichzeitig realem Raum aufhalten? Die mit uns diesen Raum betreten und verändern wollen, aufbauen, entwickeln?

Neuland

UTOPIE – Die perfekte neue Welt

Ein Klassiker unter Konstrukteur*innen von Utopien ist Thomas Morus. Sein bekanntestes Werk ist »De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia« (»Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia«), in dem er 1516 ein erfundenes Inselreich mit einer ganz anderen Gesellschaftsstruktur beschrieb, als sie zu seiner Zeit in England herrschte. In den Sozialwissenschaften wird das Werk als Kritik an den damaligen Verhältnissen und als Gegenentwurf zum zeitgenössischen England gesehen, andere sehen darin eine boshafte Satire. In dem Stadtstaat dieser Insel herrscht eine Art Kommunismus: Die Interessen des Einzelnen sind denen der Gemeinschaft untergeordnet. Wie in einem (idealen) Kloster sind alle zu gemeinschaftlicher Arbeit und Bildung verpflichtet und genießen religiöse Toleranz. Grund und Boden sind gemeinsamer Besitz.

DYSTOPIE – Die schlimmste aller Welten

»Schöne neue Welt« (englisch »Brave New World«) ist ein 1932 erschienener dystopischer Roman von Aldous Huxley, der eine Gesellschaft in der Zukunft, im Jahre 2540 n. Chr. beschreibt, in der »Stabilität, Frieden und Freiheit« gewährleistet scheinen. Die Menschen werden gemäß den jeweiligen gesellschaftlichen Kasten geprägt, denen sie angehören sollen und die von Alpha-Plus (für Führungspositionen) bis zu Epsilon-Minus (für einfachste Tätigkeiten) reichen.

Allen Kasten gemeinsam ist die Konditionierung auf eine permanente Befriedigung durch Konsum, Sex und die Droge Soma. Diese Droge nimmt den Mitgliedern dieser Gesellschaft das Bedürfnis zum kritischen Denken und Hinterfragen ihrer Weltordnung. Die Regierung jener Welt bilden Alpha-Plus-Menschen, die von der Bevölkerung wie Idole verehrt werden. Der Roman gilt neben George Orwells »1984« als ein Musterbeispiel eines totalitären Staates in der Literatur.

Der Soziologe Zygmunt Bauman spricht in seinem posthum erschienenen Werk »Retrotopia« von der Verbreitung von gesellschaftlichen Vorstellungen, die ihren Fluchtpunkt nicht mehr in einer idyllischen Zukunft, sondern in der idealisierten Vergangenheit besitzen. Charakteristisch für sie ist die Verklärung der Vergangenheit und die Sehnsucht nach Kontinuität in einer fragmentierten Welt. Die Retrotopien speisen sich aus der Sehnsucht nach der verlorenen, geraubten, »untoten« Vergangenheit. Als Hauptursache wird die starke Zunahme von Gewalt in der hyperglobalisierten Welt benannt. Die Menschen sind nicht mehr bereit, durch Sicherheitsverluste für Freiheitsgewinne zu zahlen, wie dies die liberalen Eliten fordern. Sie grenzen sich zunehmend ab und besinnen sich am »Stammesfeuer« auf ihre nationalen, ethnischen, religiösen usw. Identitäten. Die Folge: zunehmende Aggressivität gegen Andere, Fremde und Schutzsuchende.

Weißer Raum

Was macht der weiße Raum?

Unter White Cube (engl. »weißer Würfel«) versteht man das Ausstellungskonzept, Kunst in weißen Räumen zu präsentieren. Seit den 1920er Jahren ist es üblich, insbesondere zeitgenössische Kunst, in farbneutralem Weiß zu zeigen, um die Ausstellungsarchitektur deutlich hinter das Kunstwerk zu stellen und eine Interaktion zwischen Architektur und Kunstwerk zu vermeiden. In den letzten Jahren ist der White Cube allerdings umstritten, da viele Museums- und Ausstellungsarchitekten inzwischen glauben, dass sich Kunst in weißen Räumen ohne jede Aufbereitung zu wenig erleben lässt. Kritische Künstler und Theoretiker sehen den White Cube als Mittel, um Kunst durch Ästhetisierung aus dem Kontext zu reißen und dadurch in ihrer (gesellschaftlichen) Wirkung zu neutralisieren.

Weiterführender Link:

https://www.deutschlandfunk.de/endlich-mal-erklaert-was-ist-ein-white-cube.691.de.html?dram:article_id=473037

Ein bildender Künstler, der sich vermehrt mit dem Konzept des Weißen Raumes auseinandergesetzt hat, ist Les Levine (*1935 in Irland). Er ist ein Pionier in der Video- und Medienkunst. Eine Dokumentation seiner Kunstwerke findet sich im Link. Der Link führt zudem zu seiner Arbeit »WALL« – in der er eine weiße Wand aufbaut.

»WALL« vom Künstler Les Levine

http://ccca.concordia.ca/artists/work_detail.html?languagePref=fr&mkey=49917&title=Wall&artist=Les+Levine&link_id=5442

Netzrealität

»Philosophen, Soziologen, Künstler und Filmemacher befassen sich bereits seit einigen Jahren intensiv mit der Frage, was mit einer Gesellschaft geschieht, wenn die virtuelle Welt dereinst so real erlebt werden kann wie die Realität. Identitäten können im Internet frei gewählt werden. Der Nutzer konstruiert einen Netzkörper, der jegliche physische Authentizität aufhebt. Foren, Internetseiten, Mailinglisten und Kontaktbörsen lassen eine neue Form von Öffentlichkeit entstehen. […] Im Internet findet eine weitgehend hierarchiefreie Kommunikation statt. Der User wird zum Schöpfer eigener Online-Identitäten, da er nicht gezwungen ist, seine wahre soziale Identität preiszugeben. In einer gewöhnlichen face-to-face Situation beginnt man den Gegenüber zu kategorisieren anhand der unscharfen Informationen, die wir intuitiv wahrnehmen. Diese sozial ritualisierte Wahrnehmung äußerlicher Merkmale ist in der Netzkommunikation nicht mehr möglich. Im Internet bestehen individuelle Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich sozialer Kontakte.«

Auszug aus: Hebler, Simon: Digitaler Raum − Vom Internet zur virtuellen Realität

https://www.grin.com/document/76787

Weiterführender Link:

https://www.deutschlandfunk.de/utopien-in-computerspielen-reparieren-statt-zerstoeren.807.de.html?dram:article_id=466311

 

Tabula Rasa

Tabula rasa im eigentlichen Sinne ist die mit einem Rasiermesser geglättete (rasa) Tafel. Also weder die ursprünglich unbeschriebene noch die beschriebene, sondern eine vorher beschriebene und dann wieder geglättete Fläche.

Als soziologisches Konzept geht Tabula rasa auf den englischen Philosophen John Locke (1632–1704) zurück, wonach der Mensch bezüglich seiner Eigenschaften, Verhaltensweisen, Wertvorstellungen als »unbeschriebenes Blatt« zur Welt kommt und erst durch seine Sozialisation in jede Richtung formbar und beeinflussbar sei.

Klassische ethologische Arbeiten von Konrad Lorenz und anderen bewiesen, dass es angeborenes Verhalten bei Mensch und Tier gibt. Ergebnisse in Neurowissenschaft und Kognitionspsychologie zeigen, dass Menschen nicht mit einem »inhaltsleeren Gehirn« zur Welt kommen. Selbst Persönlichkeitsmerkmale und Intelligenz haben erbliche Komponenten. Beim Lernen verläuft die Variationsbreite oft in engen Bahnen, denn auch für den Menschen gilt, dass er nur das lernen kann, wozu er im Selektionsprozess der Evolution eingerichtet wurde.

Besetzung

Simon Labhart
Von und mit
Nadja Rui
Von und mit
Katharina Rückl
Von und mit
Markus Strobl
Von und mit
Leon Wieferich
Von und mit
Mathilde Lehmann
Dramaturgie
Isabell Wibbeke
Bühne und Kostüme
Paula Handl
Regieassistenz