Theater und Orchester Heidelberg

Erzählen als politischer Akt

Im botanischen Garten brachte die Regisseurin Luise Voigt »Wo die Barbaren leben« als deutschsprachige Erstaufführung heraus. Jetzt inszeniert sie »Animal Farm – Farm der Tiere« nach George Orwell als Warnung vor totalitären Systemen. Premiere ist am 12. Oktober im Marguerre-Saal.
Mit Luise Voigt sprach Dramaturg Jürgen Popig. 

Nach »1984« am Staatstheater Oldenburg inszenierst du nun in Heidelberg »Animal Farm«. Was ist das Besondere an George Orwell?

Regisseurin Luise Voigt; Foto Sebastian Bühler

Luise Voigt; Foto S. Bühler

Luise Voigt: George Orwell hat es geschafft, realpolitische Entwicklungen seiner Zeit auf eine Weise darzustellen, die uns bis heute den Charakter und die Entstehung totalitärer Systeme nahebringt. Zwar beziehen sich beide Werke ganz konkret auf die Entwicklung der Sowjetunion von der Oktoberrevolution hin zum Stalinismus, doch die jeweilige Übertragung seiner Erzählung in eine fiktive Welt (Bauernhof bzw. ferne Zukunft) sorgt dafür, dass wir politische und gesellschaftliche Mechanismen erkennen können, die im realen Leben oft verschleiert sind.

Worin besteht die Aktualität von »Animal Farm«?

Luise Voigt: Wenn uns heute die Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt als persönliche Freiheit verkauft wird oder das Verbot der kostenlosen Plastiktüte uns das Gefühl gibt, die Politik würde endlich die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Klimakatastrophe abzuwenden, ist ein Blick für diese Mechanismen notwendig, wenn wir uns nicht an der Nase herumführen lassen wollen. George Orwell ist ein durch und durch politischer Autor, der eine bessere Welt vor Augen hatte. Heute sind wir großen politischen Idealen gegenüber skeptisch, viel zeitgenössische Literatur ist von Zynismus und Fatalismus geprägt. Mir gefällt Orwells klare politische Haltung. Obwohl seine Erzählung eine ungemein düstere Version unserer Welt entwirft, richtet er sich an ein Publikum, das es anders machen kann oder sogar muss.

»Animal Farm« ist ein Prosatext, nicht ursprünglich für das Theater geschrieben. Wie gehst du damit um?

Luise Voigt: Wenn ich einen Prosatext für das Theater bearbeite, ist das für mich kein Widerspruch, da Erzählen an sich ein politischer Akt zwischen Menschen ist, der unsere Weltwahrnehmung prägt und verändert. Für mich ist Erzählen etwas zutiefst Theatrales, da eine Erzählung immer kollektiv verhandelt werden muss. Das wird auch in unserer Inszenierung eine große Rolle spielen. Gerade »Animal Farm« wurde oft instrumentalisiert, um zu verdeutlichen, dass die große Erzählung vom Kommunismus zum Scheitern verurteilt ist. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was Orwell wollte. Welchen Platz eine Erzählung in einer Gesellschaft einnimmt, ist also offensichtlich nicht durch den Autor selbst oder durch den Text an sich gesichert, sondern ständig in Bewegung, also Verhandlungssache und daher richtig im Theater.

Premiere »Animal Farm – Farm der Tiere« 12. Oktober 2019, 19.30 Uhr, Marguerre-Saal
Karten für alle Vorstellungen an der Theaterkasse, Theaterstraße 10, unter 06221|58 20 000, tickets@theater.heidelberg.de oder online im Webshop.