Theater und Orchester Heidelberg
Foto Ludwig Olah

Rüstungsindustrie und künstliche Intelligenz

Eine Uraufführung zum Start der Schauspielsaison im Alten Saal: Christoph Nußbaumeders neues Stück »Im Schatten kalter Sterne« setzt sich mit künstlicher Intelligenz in der Rüstungsindustrie auseinander und bindet das hochkomplexe Thema an die persönliche Verantwortung des Einzelnen.
Anlässlich der Uraufführung sprach Dramaturgin Maria Schneider mit dem Autor. 

Woher kam der Gedanke, die Entwicklung vollautonomer Waffensysteme als Stoff fürs Theater zu bearbeiten?

Am Anfang stand mein Interesse für die Kapitalströme rund um die Rüstungsindustrie. Und eigentlich wollte ich den Zusammenhang von Kriegsherden und deren prosperierender Auswirkung auf unsere westlichen Volkswirtschaften untersuchen. Das hat viel mit Ressourcensicherung zu tun, mit geostrategischen Interessen, mit dem Zugang zu Handelswegen, aber natürlich auch mit privatwirtschaftlichen Konzerninteressen. Mit den globalen Militärausgaben wird nun mal ein Sektor finanziert, der nur bestehen kann, wenn in der Welt neue Konflikte und Kriege entstehen. Es gibt die berühmte Abschiedsrede von Dwight D. Eisenhower aus dem Jahr 1961, in der er eindrücklich vor der Einflussnahme des militärisch-industriellen Komplexes (MIK) warnt. Ein beispielloser Vorgang, dass ein scheidender US-Präsident, der selbst lange dem Militär angehörte, in einer Fernsehansprache vor der »Gefahr für ein katastrophales Anwachsen unbefugter Macht« warnt. Wie diese Macht Jahrzehnte später agiert und wie sie sich politisch, etwa durch Feindbildgenerierung, durch die Medien einbringt – all diese Untersuchungen gingen Hand in Hand mit der Stückentwicklung, sozusagen als Suchbewegung für eine Handlung. Für das Theaterstück selbst habe ich mich dann mehr und mehr auf den Komplex der autonomen Waffentechnik beschränkt. Ich hielt das für griffiger und – auf das Theater bezogen – für szenisch darstellbarer.

Wie hast du recherchiert? Gab es Texte oder Gespräche, die dich besonders beeinflusst haben?

Zunächst mal habe ich, um mir einen thematischen Überblick zu verschaffen, Sachbuchliteratur gelesen, da war vor allem Armin Krishnans »Gezielte Tötung – Die Zukunft des Krieges« sehr erhellend. Aufgrund der laufenden Entwicklung des Gegenstands habe ich begleitend eine Menge aktuelle Artikel gelesen, über KI-Forschung, Finanzierungsmodelle oder über den Stand der UN-Waffenkonvention. Und dann gab es noch die Ebene der Gespräche mit Experten, wie mit Thomas Küchenmeister von Facing Finance e. V. oder Marcel Dickow von der SWP, das waren wichtige Impulsgeber. Auch ein Vortrag von Michael Lüders war dabei, der wiederum die politischen Wirrnisse im Nahen Osten zu erläutern versteht. Summa summarum gab es wahnsinnig viel Material. Ich bin aber kein Journalist, es geht mir nicht so sehr um Informationsvermittlung, sondern bei diesem Thema vielmehr um ethische Fragestellungen, mit denen die Figuren konfrontiert werden.

In der Rüstungsfirma Bimini Defence AG dominieren Profitstreben, Konkurrenzdruck und Intrigen. Was hat dich daran gereizt, diesen Konzern für die Bühne zu erfinden? Gibt es reale Vorbilder?

Interne Ränkespiele gibt es in anderen Konzernen auch, überall dort eben, wo es um viel Macht und Geld geht. Oder Bestechungsaffären, wie beispielsweise bei VW, Mitte der Nuller-Jahre, wo aus der Firmenleitung des Konzerns heraus Betriebsräte mit finanziellen Zuwendungen, Luxusreisen und »Dienstleistungen« von Prostituierten bestochen und korrumpiert worden sind. Die Intrigen bei Bimini Defence sind eher ein Schmiermittel für den Handlungsverlauf. Lässt man das weg und legt sozusagen das Skelett der Firma frei, kann man noch etwas anderes erkennen. Der Name »Bimini« bezieht sich auf ein Gedicht von Heinrich Heine. Für ihn war »Bimini« ein Paradies, eine Insel, auf der »die ewige Frühlingswonne« blüht, ein Sehnsuchtsort in der Karibik, wo einem Glück und Jugend garantiert werden.
Aber wie mit allen Paradiesen verhält es sich auch mit »Bimini« so: Nicht jeder kommt dorthin, nicht alle werden dafür zugelassen, im Grunde genommen nur eine Minderheit. Nimmt man nun den Konzern als Allegorie darauf, dann macht er genau das, was seine Aufgabe ist: Er verteidigt diesen Anspruch auf exklusiven Wohlstand. Die meisten Afrikaner, Asiaten, Süd- und Mittelamerikaner haben keinen Platz in Europa oder in den Staaten. Für sie löst sich das Glücksversprechen der Marktwirtschaft nicht ein. Ein Kernbereich der autonomen Waffentechnik wird in Zukunft die Grenzsicherung sein, intelligente Roboter sind wesentlich zuverlässiger als Grenzsoldaten oder bemannte Marineboote.

(…)

Wo siehst du persönlich die größten Chancen und Risiken, die künstliche Intelligenz im militärischen Sektor mit sich bringt?

Unterm Strich sehe ich darin nichts Positives für die Menschheit. Wer von »sauberem Töten« spricht, legitimiert gezieltes Töten von vornherein. Es wird nicht mehr danach gefragt, wie man Kriegshandlungen verhindern kann, sondern es wird damit argumentiert, dass es durch autonome Waffen ohnehin nur die »Richtigen« treffen würde, da man zivile Opfer aussparen könnte. Im Endeffekt aber gäbe es viel mehr kleinere Scharmützel, wo Maschinen gegen mutmaßliche Terroristen zum Einsatz kämen. Man kann mit dieser Technik – und das ist das eigentlich Erschreckende – Menschen ganz einfach und geräuschlos eliminieren. Das müssen nicht mal Extremisten sein, was ist mit Regimekritikern, Oppositionellen, jedweder Regierung unerwünschte Personen … Du kannst eine Maschine mit biometrischen Daten füttern und so programmieren, dass sie dich wo auch immer in der Welt aufspürt und umlegt, ohne dass jemand Notiz davon nimmt. So sieht zumindest die gegenwärtige Zukunft des Krieges aus. Denn die dahingehenden Methoden werden täglich verfeinert. KI kann nur mit riesigen personenbezogenen Datensätzen weiterentwickelt werden, um menschliches Verhalten zu simulieren. Das ist die Krux. Und dass Daten der Rohstoff des 21. Jahrhunderts sind, ist ja längst eine Binse. Nur die Auswüchse im militärischen Bereich sind kaum bekannt. Im Vordergrund der Debatte um autonome Waffen steht vor allem die Frage, inwieweit es ethisch vertretbar ist und politisch zulässig sein soll, Maschinen im Gefecht selbstständig über Leben und Tod von Menschen entscheiden zu lassen. Vor diesem Hintergrund forderten 2015 in einem offenen Brief über 20.000 Personen, darunter viele KI-Forscher und bekannte Persönlichkeiten wie Stephen Hawking und Elon Musk, ein Verbot offensiver autonomer Waffen. Auch Menschenrechtsorganisationen drängen auf eine Ächtung. Ich fürchte aber, dass diese neuen Waffensysteme ein neues Hochrüsten befeuern. Man wird wahnsinnig viel Geld investieren und das Kapital dort einsparen, wo es nützlich wäre, soziale Spannungen einzudämmen oder Klimafolgen abzufedern, um letztlich auch Kriege verhindern zu können. Wahrscheinlich ist der MIK ökonomisch zu mächtig und auf politischer Seite ist das Misstrauen zwischen den entscheidenden Staaten zu groß, um ein globales Verbotsgesetz für derlei Waffen zu erlassen.

(…)

Das vollständige Interview mit Christoph Nußbaumeder können Sie im Programmheft zu »Im Schatten kalter Sterne« nachlesen.

Im Schatten kalter Sterne

von Christoph Nußbaumeder

Im Schatten kalter Sterne

Trailer von Thiemo Hehl